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Naturnahe Pferdehaltung: Warum mein Reitstall nicht aus perfekten Sandflächen bestehen soll

11 minutes ago
8 min read

Ende 2024 habe ich einen Reitstall gekauft. Ich hatte unglaublich viele Ideen, Pläne und ziemlich genaue Vorstellungen davon, was hier einmal entstehen soll. Und dann kam das Leben. Anfang 2025 musste ich mich aufgrund meiner Schwangerschaft immer stärker zurücknehmen. Was zunächst vielleicht noch unter „Schwangerschaftswehwehchen“ gefallen wäre, wurde teilweise leider ziemlich ernst und irgendwann war schlicht nicht mehr daran zu denken, hier so weiterzuarbeiten, wie ich es geplant hatte. Nach der Geburt habe ich mich dann ganz bewusst über ein Jahr auf mein Baby und meine Familie konzentriert. Ich habe bereits ein Kind, plötzlich waren wir zu viert und vieles musste sich erst einmal neu finden. Und wisst ihr was? Ich habe diese Zeit unfassbar genossen. Der Reitstall wartet. Meine Kinder sind nur einmal klein.

Also lag hier vieles eine ganze Weile brach. Nicht komplett – meine Pferde leben bereits 24/7 draußen und einige Dinge haben wir auch schon umgesetzt –, aber von der Entwicklung, die ich ursprünglich geplant hatte, waren wir weit entfernt. Jetzt kehrt langsam wieder mehr Alltag ein. Und damit beginnt für mich auch hier ein Neustart. Vielleicht ist diese ungeplante Pause sogar für etwas gut gewesen. Denn ich hatte sehr viel Zeit darüber nachzudenken, wie ich Pferde eigentlich halten möchte. Und eines weiß ich ziemlich genau: Ich möchte hier keinen perfekt durchgestylten Pferdepark aus glatten Sandflächen bauen.

Ich möchte Natur.


Artgerechte Pferdehaltung und Natur gehören für mich zusammen

Meine Pferde stehen bereits Tag und Nacht draußen. 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Wir sprechen hier also nicht über die romantische Vorstellung, dass Pferde „irgendwann einmal mehr draußen sein sollten“. Sie sind draußen. Die Frage, die mich jetzt beschäftigt, geht einen Schritt weiter: Wie gestalte ich diesen Lebensraum? Denn 24/7 draußen bedeutet für mich noch nicht automatisch, dass eine Pferdehaltung naturnah oder ökologisch wertvoll ist.

Ich könnte große Flächen auskoffern, befestigen, Sand aufbringen, alles glattziehen und hätte vermutlich eine wunderbar ordentlich aussehende Pferdehaltung. Genau das möchte ich nicht. Natürlich wird es auch bei uns befestigte Bereiche geben. Und ziemlich sicher werde ich an manchen Stellen Sand einsetzen, weil er dort sinnvoll ist. Pferdehaltung muss schließlich auch im November, Januar und Februar funktionieren und nicht nur auf schönen Sommerfotos. Aber ich möchte nicht reflexartig jeden natürlichen Untergrund ersetzen, nur weil ein technisch hergestellter Boden leichter zu kontrollieren ist.

Mein Ziel ist eine naturnahe, pferdegerechte und ökologisch wertvolle Pferdehaltung, die Artenvielfalt nicht verdrängt, sondern möglichst fördert.


Warum ich nicht überall Sand haben möchte

Sand hat in der Pferdehaltung absolut seine Berechtigung. Das möchte ich ausdrücklich vorwegnehmen.

Es gibt stark frequentierte Bereiche, an denen ein geeigneter Bodenaufbau notwendig sein kann. Es gibt Liegeflächen, Wege oder Funktionsbereiche, an denen Sand sinnvoll sein kann. Und selbstverständlich möchte auch ich verhindern, dass meine Pferde monatelang knietief durch den Matsch stapfen.

Aber zwischen „Matsch“ und „alles Sand“ liegen ziemlich viele Möglichkeiten. Ich möchte nicht auf jedem Quadratmeter denselben Untergrund haben. Im Gegenteil: Unterschiedliche Böden sind ausdrücklich Teil meines Konzepts.

Sand darf dazugehören. Befestigte Flächen dürfen dazugehören. Aber genauso möchte ich gewachsenen Boden und Mutterboden erhalten, wo das möglich und sinnvoll ist. Dazu kommen unterschiedliche natürliche Bodenstrukturen und Wege. Nicht jede Unebenheit ist automatisch ein Problem. Nicht jede natürliche Bodenstruktur muss optimiert werden. Natürlich muss der Untergrund sicher sein. Löcher, dauerhaft tiefer Matsch oder rutschige Bereiche sind keine romantische „Naturnähe“. Stark beanspruchte Flächen müssen vernünftig gemanagt werden. Aber ich möchte zuerst beobachten, was ein Bereich braucht, bevor ich ihn verändere.


Pferde brauchen nicht überall denselben Untergrund

Ich finde den Gedanken zunehmend merkwürdig, Pferden möglichst abwechslungsreiche Bewegung bieten zu wollen und gleichzeitig den Boden ihres gesamten Lebensraumes möglichst einheitlich zu gestalten. Draußen ist Boden nicht überall gleich. Mal ist er weich, mal fester. Mal laufen Pferde auf Erde, mal auf Gras, über kleine Unebenheiten, auf unterschiedlichen Wegen und durch Bereiche mit verschiedener Bodenstruktur. Genau diese Vielfalt möchte ich – wo sie sicher möglich ist – erhalten.

Denn jeder unterschiedliche Untergrund stellt auch etwas andere Anforderungen an Bewegung, Wahrnehmung, Balance und Koordination. Natürlich bedeutet das nicht, künstlich möglichst schwierige Böden anzulegen. Ich möchte keinen Abenteuerparcours bauen. Ich möchte nur nicht alles wegoptimieren, was natürlich vorhanden ist.


Ich möchte Gehölze in der Pferdehaltung – nicht nur drumherum

Eines der Themen, auf das ich mich beim Neustart besonders freue, sind Bäume, Sträucher und Hecken.

Wir haben bereits Totholzhecken angelegt und genau in diese Richtung möchte ich weitergehen. Mehr Strukturen. Mehr Gehölze. Mehr unterschiedliche Lebensräume. Dabei möchte ich Gehölze nicht ausschließlich außerhalb der Pferdebereiche pflanzen und sie anschließend möglichst hermetisch vor meinen Pferden schützen. Natürlich wird es Bereiche geben, die geschützt werden müssen. Junge Bäume können einen massiven Verbiss nicht einfach wegstecken und bestimmte Pflanzen gehören überhaupt nicht in die Reichweite von Pferden. Aber langfristig möchte ich auch geeignete Bäume und Sträucher etablieren, an denen meine Pferde ausdrücklich knabbern dürfen. Denn Verbiss ist für mich nicht automatisch etwas Negatives.


Warum Verbiss sogar Teil des Systems sein kann

Bei Pferdehaltung denken wir bei angeknabberten Sträuchern schnell: kaputt. Natur funktioniert aber nicht immer nach unserer Vorstellung von „ordentlich“. Viele Gehölze können auf moderaten Verbiss mit neuem Austrieb und stärkerer Verzweigung reagieren. Pflanzen werden zurückgesetzt, treiben neu aus und es entstehen immer wieder junge Pflanzenteile. Verbiss gehört in vielen Landschaften ganz selbstverständlich zur Wechselwirkung zwischen Pflanzen und Pflanzenfressern. Entscheidend ist dabei natürlich die Intensität.

Wenn meine Pferde einen frisch gepflanzten Strauch innerhalb von zwei Tagen bis auf den Boden zerlegen, hat das wenig mit einem ausgeklügelten ökologischen System zu tun. Dauerhafter starker Verbiss kann Gehölze massiv schwächen und ihre Verjüngung sogar vollständig verhindern.

Genau deshalb finde ich das Thema so spannend.

Ich möchte Gehölze etablieren, schützen, wenn sie Schutz brauchen, und später bei geeigneten Arten gezielten Zugang ermöglichen. Manche Bereiche können zeitweise zugänglich sein, andere nicht. Einige Pflanzen dürfen stärker genutzt werden, andere müssen sich regenerieren können. Statt „Pferd darf niemals an den Baum“ interessiert mich viel mehr die Frage: Wie viel Nutzung verträgt dieses Gehölz – und wie können Pferd und Pflanze langfristig miteinander funktionieren?


Hecken sind für mich viel mehr als ein Zaun mit Blättern

Gerade Hecken möchte ich zukünftig deutlich stärker in die Gestaltung einbeziehen.

Eine vielfältige Hecke kann Struktur in eine Fläche bringen, Wind brechen, Schatten erzeugen und das Mikroklima verändern. Gleichzeitig kann sie Nahrung, Deckung, Nistmöglichkeiten und Lebensraum für unterschiedlichste Tierarten bieten. Und für Pferde kann sie ebenfalls interessant sein. Eine geeignete, pferdesichere Gehölzauswahl vorausgesetzt, können Äste, Zweige, Blätter und Rinde zusätzliche Beschäftigung und Struktur in den Alltag bringen. Das ist genau die Art von Pferdehaltung, die mich fasziniert. Nicht zehn Beschäftigungsgegenstände auf eine leere Sandfläche stellen, sondern einen Lebensraum schaffen, in dem Beschäftigung an vielen Stellen von selbst entsteht.

Ein Pferd läuft irgendwohin, weil dort Wasser ist. Es bewegt sich weiter zum Raufutter. Auf dem Weg verändert sich der Untergrund. Später steht es im Schatten eines Baumes. An anderer Stelle kann es an geeigneten Zweigen knabbern. Der Wind bewegt eine Hecke. Irgendwo raschelt Laub. Das klingt banal. Aber genau diese vermeintlichen Kleinigkeiten ergeben für mich einen Lebensraum.


Auch unsere Totholzhecken gehören dazu

Die ersten Totholzhecken sind bereits da und ich liebe den Gedanken dahinter. Schnittgut muss nicht automatisch Abfall sein, der möglichst schnell vom Grundstück verschwindet. Richtig eingesetzt kann daraus Struktur entstehen. Totholz kann für zahlreiche Organismen Lebensraum, Rückzugsort oder Nahrungsgrundlage sein. Gleichzeitig lassen sich damit Bereiche strukturieren und natürliche Grenzen schaffen. Natürlich gilt auch hier: In einer Pferdehaltung muss so etwas sicher geplant werden. Keine gefährlich herausstehenden Äste, keine ungeeigneten oder problematischen Pflanzenbestandteile und keine Konstruktionen, in denen Pferde hängenbleiben können. Aber genau dieses Denken möchte ich etablieren: Was bereits da ist, ist zunächst eine Ressource und nicht automatisch Abfall.


Nicht jeder Quadratmeter muss Pferdefläche werden

Vielleicht ist das einer der wichtigsten Grundsätze für die weitere Gestaltung meines Reitstalls. Nur weil ich eine Fläche besitze, muss ich nicht jeden Quadratmeter maximal für Pferde nutzbar machen. Manche Bereiche dürfen den Pferden gehören. Andere vielleicht den Insekten. Eine Ecke darf dichter zuwachsen. Eine Hecke darf breiter werden. Ein Bereich kann ausgezäunt werden, damit junge Gehölze eine Chance bekommen. An anderer Stelle können Blühpflanzen stehen. Totholz darf Lebensraum werden. Und vielleicht entsteht irgendwo ein Bereich, dessen einzige „Aufgabe“ darin besteht, möglichst wenig von mir gestört zu werden. Das kostet Fläche. Aber dafür entsteht etwas anderes: Vielfalt. Und genau die möchte ich fördern.


Pferdehaltung kann Artenvielfalt schaffen

Natürlich muss man sich nichts vormachen: Pferdehaltung ist ein Eingriff in eine Fläche. Pferde fressen Pflanzen, zertreten Vegetation, verdichten Böden und konzentrieren Nährstoffe. Wenn ich zu viele Pferde dauerhaft auf einer zu kleinen Fläche halte und nichts manage, entsteht nicht automatisch ein ökologisches Paradies, nur weil ich auf Sand verzichte. Naturnah bedeutet deshalb für mich nicht: machen lassen. Es bedeutet beobachten, verstehen und lenken.

Wo laufen meine Pferde besonders häufig? Wo entstehen Trittschäden? Wo sammelt sich Wasser? Welche Flächen brauchen Ruhe? Wo entstehen hohe Nährstoffeinträge? Welche Pflanzen setzen sich durch? Wo können Gehölze wachsen? Welche Bereiche können wir bewusst extensiver nutzen?


Mutterboden ist für mich nicht einfach „Dreck“

Auch mein Blick auf Mutterboden hat sich verändert. Wenn irgendwo Pferde gehalten werden sollen, scheint der erste Gedanke häufig zu sein: Wie bekommen wir den Boden weg und etwas Belastbareres darauf? An stark beanspruchten Stellen kann genau das notwendig sein. Aber Mutterboden ist eben nicht einfach eine störende Schicht zwischen Pferd und sauberer Fläche. Er ist lebendiger Boden. Dort finden biologische Prozesse statt. Pflanzen wurzeln darin. Bodenorganismen leben darin. Wasser wird aufgenommen, gespeichert und weitergeleitet. Organisches Material wird umgesetzt. Deshalb möchte ich gewachsenen Boden dort erhalten, wo er die Nutzung durch die Pferde verträgt. Und dort, wo er sie nicht verträgt, möchte ich möglichst gezielt eingreifen, statt automatisch die komplette Fläche gleich zu behandeln.


Eine Fläche darf auch einmal unordentlich aussehen

Ich glaube, dass wir uns in der Pferdewelt an eine ganz bestimmte Vorstellung von „schön“ gewöhnt haben. Eine frisch abgezogene Sandfläche? Schön. Ein akkurat gemähter Rand? Gepflegt. Eine wilde Ecke mit hohem Gras, verschiedenen Pflanzen und herumliegenden Ästen? Unordentlich. Dabei interessiert es eine Wildbiene relativ wenig, ob ich meine Fläche instagramtauglich finde. Vielleicht müssen wir deshalb lernen, anders hinzusehen. Eine Fläche kann für unsere Augen chaotisch wirken und ökologisch unglaublich interessant sein. Ein alter Ast kann wertvoller sein als ein Deko-Pflanzkübel. Eine breite, etwas wilde Hecke kann mehr Funktionen erfüllen als ein perfekt geschnittener Sichtschutz.

Und ein bisschen Laub auf dem Boden bedeutet nicht automatisch, dass jemand seinen Hof nicht im Griff hat.

Ich möchte deshalb nicht fragen: Wie ordentlich sieht meine Pferdehaltung aus?

Sondern: Was leistet diese Fläche?

Für meine Pferde. Für den Boden. Für Pflanzen. Für Insekten. Für Vögel. Für Kleinsäuger. Für das Mikroklima. Und letztlich auch für uns Menschen.


Pferdegerecht und ökologisch wertvoll darf kein Entweder-oder sein

Dabei gibt es für mich eine ganz klare Grenze: Naturnähe darf niemals auf Kosten der Gesundheit oder Sicherheit meiner Pferde gehen. Giftige Pflanzen werden nicht plötzlich wertvoller, weil ein Insekt darauf sitzt. Gefährliche Äste bleiben nicht liegen, weil Totholz ökologisch wichtig ist. Ein Bereich, der jeden Winter im tiefen Matsch versinkt, wird nicht zum Naturprojekt erklärt, wenn meine Pferde dort täglich durchmüssen. Ich möchte keine romantisierte Naturhaltung. Ich möchte eine funktionierende naturnahe Pferdehaltung. Und dazu gehören Kompromisse.

An einer Stelle werde ich befestigen. An einer anderen vielleicht Sand verwenden. Manche jungen Bäume werde ich jahrelang schützen müssen. Einige Bereiche werden zeitweise abgesperrt. Und wahrscheinlich werde ich unterwegs auch Entscheidungen treffen, bei denen ich später feststelle, dass sie nicht funktioniert haben. Das ist okay, denn ein lebendiges System ist nie fertig.


Jetzt darf dieser Reitstall wachsen

Als ich den Reitstall Ende 2024 gekauft habe, wollte ich wahrscheinlich am liebsten alles gleichzeitig umsetzen. Dann kam meine Schwangerschaft, mein Körper hat ziemlich deutlich die Bremse gezogen und anschließend hatte meine Familie Priorität. Der Stall musste warten. Meine Kinder sind nur einmal klein. Und heute bin ich sehr froh darüber, dass ich mir diese Zeit genommen habe.

Jetzt kann es hier langsam wieder losgehen. Nicht mit dem Anspruch, innerhalb eines Sommers - oder aktuell gesprochen innerhalb eines Winters - einen perfekten Hof zu erschaffen. Sondern Stück für Stück.

Eine neue Hecke. Ein paar Bäume. Sträucher. Geschützte Bereiche, in denen etwas heranwachsen darf. Andere Bereiche, in denen meine Pferde später bewusst an Gehölzen knabbern können. Weitere Totholzstrukturen. Unterschiedliche Untergründe. Mutterboden, wo Mutterboden funktionieren kann. Befestigung dort, wo sie notwendig ist. Sand dort, wo Sand wirklich einen Zweck erfüllt. Und dazwischen hoffentlich immer mehr Leben.

Ich möchte in ein paar Jahren durch diesen Reitstall laufen und sehen, wie die Dinge ineinandergreifen.

Ich möchte Pferde sehen, die sich selbstverständlich zwischen unterschiedlichen Bereichen bewegen. Ich möchte beobachten, wie sie an geeigneten Gehölzen knabbern. Ich möchte Schatten unter Bäumen haben, statt ihn überall künstlich herstellen zu müssen. Ich möchte Vögel in den Hecken hören, Insekten zwischen den Pflanzen sehen und entdecken, was sich in unseren Totholzbereichen angesiedelt hat.

Ich möchte nicht, dass Natur irgendwo hinter dem Pferdebereich anfängt. Sie soll mittendrin sein. Denn für mich bedeutet artgerechte Pferdehaltung nicht, für Pferde eine möglichst perfekte künstliche Umgebung zu erschaffen. Ich möchte ihnen einen Lebensraum geben, der ihren Bedürfnissen gerecht wird und gleichzeitig Platz für anderes Leben lässt. Nicht steril. Nicht überall glatt. Nicht perfekt. Sondern lebendig. Pferdegerecht. Naturnah. Ökologisch wertvoll. Und mit jedem Jahr hoffentlich ein bisschen vielfältiger.

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