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Was Du über Dein Pferd sagst sagt mehr über Dich aus, als über Dein Pferd

Das Pferd will nicht so, wie man es möchte und schon ist die erste Beleidigung über die Lippen gehuscht. Doch warum fällt es vielen Menschen so schwer, gegenüber Pferden - und sei es nur mit Worten - die Beherrschung zu behalten?

Nicht selten hört man im Stall, wie Reiter abfällig über ihre Pferde sprechen. Sei es, weil sie beim Satteln schnappen, sich beim Reiten erschrecken oder auf dem Weg vom Paddock am Grasstreifen anhalten, um einen Bissen zu essen. Wir betreiben einen Sport, in dem wir täglich Umgang mit Pferden haben. Es ist unumgänglich, Momente des emotionalen Ungleichgewichts zu erleben. Das kann frustrierend sein, dennoch gibt es keinen Grund, seinem Ärger mit schlechten Worten über den Partner "Pferd" Luft zu machen.


Doch was ist denn eigentlich so schlimm daran, sein Pferd zu beleidigen? Es kann einen schließlich nicht verstehen und wehtun tut man ihm damit schließlich auch nicht. Erstens zeugt es von intellektueller Faulheit, sein Pferd stumpf zu beleidigen, denn damit benennt man nicht das Problem. Das Problem zu benennen ist jedoch der erste Schritt, um eine Lösung zu finden. Alles andere ist schlichtweg nicht förderlich. Zweitens hat jeder Reiter eine gewisse Vorbildfunktion - mit jeder Beleidigung, die man ausspricht, gibt man automatisch anderen die Legitimation, es einem gleichzutun. Man normalisiert es, so über die Pferde zu sprechen.


Was bedeutet es für Dich, ein Reiter zu sein?


Ein Reiter zu sein bedeutet für mich, das Zucken mit den Ohren oder das kleinste Nicken mit dem Kopf zu verstehen. Ein guter Reiter muss emphatisch sein, auf das Pferd eingehen. Es geht darum, eine Partnerschaft mit dem Pferd einzugehen, es nicht zu unterdrücken oder schlecht zu machen. Nur, wenn ich mein Pferd motiviere, respektvoll behandle und ein offenes Ohr oder Auge für seine Reaktionen habe, kann ich Leistung erwarten. Und das geht unabhängig vom sportlichen Niveau, denn diese positiven Attribute kann jeder Reiter mitbringen.


Mit dem Pferd zu trainieren ist eigentlich ein Synonym für "mit dem Pferd lernen". Ein guter Reiter ist sich darüber im Klaren, dass sein Pferd nicht automatisch über diverse Dinge bescheid weiß, sondern Situationen und Reaktionen aktiv beigebracht und erlebt werden müssen. Ebenso gilt es um Verhalten, positiv wie negativ: Pferde können sich nicht selbst trainieren, sprich wenn ein Pferd Verhalten an den Tag legt, welches man als Reiter als unangebracht empfindet, so muss man selbst aktiv werden und mit dem Pferd an dem jeweiligen Problem arbeiten.

Probleme und ihr Ursprung


Verhält sich ein Pferd so, wie man es sich als Reiter nicht wünscht, so sollte man nicht nur das Symptom, sondern auch die Ursache beheben. Grundsätzlich sollte man nicht davon ausgehen, dass das Pferd aus Prinzip oder mit bösem Willen ungehorsam ist. Die Ursache eines Problems kann Schmerz, ein Missverständnis oder Verwirrung sein. Als Reiter hat man also die Verantwortung seinem Pferd gegenüber, man ist nicht nur Partner, sondern im übertragenen Sinne auch Lehrer. Das Verhalten, welches ein Pferd an den Tag legt, sagt also sehr viel darüber aus, wie mit ihm umgegangen wird - oder umgegangen worden ist. Das "ungewollte Verhalten" haben die Pferde von Menschen gelernt.


Es ist nicht hilfreich, wenn man isoliert am Problem arbeitet - behebt man nicht die Ursache, wird das Problem immer wieder auftauchen. Hat ein Pferd also beispielsweise Sattelzwang durch einen schlecht sitzenden Sattel, müssen zwei Punkte angegangen werden: erstens muss ein passender Sattel angeschafft werden, zweitens muss das Pferd sein Schmerzgedächtnis löschen und lernen, dass der neue Sattel keinen Schmerz hervorruft.

Eines meiner Pferde hatte bereits beim Kauf Sattelzwang - in diesem Video zeige ich unter anderem, wie ich das Problem angegangen bin. Heute, ein paar Jahre später, steht sie komplett still beim Satteln, schnappt nicht mehr und zeigt auch sonst keine Abwehrreaktionen.

Emotionale Balance


Wie wir unsere Pferde sehen, entscheiden wir ganz individuell. Meist ist unsere Sicht auf die Pferde der Spiegel unserer eigenen Erlebnisse. Tatsächlich ist es oftmals so, dass diejenigen unter uns, die mit viel Fleiß und Disziplin an ihr Ziel gekommen sind, dieses Verhalten bei ihrem Pferd voraussetzen und auch genau in diesem Schema denken. Pferde sind dann entweder "fleißig" oder "faul" - ohne, dass auf die Ursachensuche für dieses Verhalten gegangen wird.


Die Worte die wir nutzen, um über unsere Pferde zu berichten, reflektiert wie wir sie sehen. Das wiederum hat einen starken Einfluss darauf, wie wir mit ihnen arbeiten, denn unsere Worte beeinflussen unsere emotionale Balance. Freundliche, faire Worte haben etwas mit Anstand und Höflichkeit zu tun, die man auch und vor allem seinem Partner gegenüber bringen sollte. Nur, weil dieser Partner selbst keine Worte verwenden kann, um seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen, sollte man sein eigenes Privileg nicht ausnutzen.