Tokyo 2020: Der Kampf um die Startberechtigungen

Tokyo 2020. Einmal bei den Olympischen Spielen an den Start gehen zu können ist ein weit verbreiteter Lebenstraum unter Sportlern. Doch schon bevor die diesjährigen Olympischen Spiele in Tokyo überhaupt gestartet sind, war die Erfüllung dieses Traums bei einigen Reitsportlern in Gefahr.

Mathilda T. Karlsson und Chopin VA / Foto: Aenne Müller

Mathilda Karlsson und Chopin VA


Bereits am Anfang des Jahres musste Mathilda Karlsson (Sri Lanka) für ihre Startgenehmigung kämpfen und zog dafür mit ihrem Fall bis vor den internationalen Sportgerichtshof CAS. Die 36 Jährige sammelte mit ihrem Hengst Chopin VA auf den Turnieren in Villeneuve-Loubet ausreichend Punkte für die olympische Rangliste, um als erste Sri Lanker Reitsportlerin an den olympischen Spielen in Tokyo teilnehmen zu können. Später stellte sich heraus, dass der FEI im Vorfeld ein Fehler unterlaufen war und die Qualifikationen in Villeneuve-Loubet eigentlich gar nicht für das olympische Ranking hätten zählen dürfen. Der Weltreiterverband handelte und erkannte den Reitern die errittenen Ranglistenpunkte im Nachgang ab. Karlsson beschloss gegen die Entscheidung der FEI vorzugehen und brachte ihre Angelegenheit vor den internationalen Sportgerichtshof CAS. Im April diesen Jahres wurde dann das Urteil bekannt: CAS entscheidet zu Gunsten von Mathilda Karlsson. Da der FEI einen Fehler im Genehmigungsprozess unterlaufen ist, müsse der Weltreiterverband die Konsequenzen selbst dafür tragen, anstatt die Veranstalter, die Französische Reiterliche Vereinigung, oder die Reiter selbst dafür zur Verantwortung zu ziehen. So heißt es in der Urteilsbegründung des CAS: „Die Reiterin als Athletin habe nichts falsch gemacht und es treffe sie keinerlei Schuld in der Angelegenheit.“ Sowohl die Reiter als auch die Turnierveranstalter werden freigesprochen und auch die errittenen Ranglistenpunkte waren wieder gültig.


Die australische Equipe


Wer an den Olympischen Spielen teilnehmen möchte, muss sich einer Dopingkontrolle unterziehen. So wurde am 26. Juni auch der australische Springreiter Jamie Kermond von der zuständigen Anti-Doping-Agentur kontrolliert und positiv auf ein Abbauprodukt von Kokain getestet. Mit diesem Ergebnis trat mit sofortiger Wirkung eine vorläufige Sperrung in Kraft, welche eine Teilnahme in Tokyo ausschließt. Kermond gesteht seinen Fehler ein: "Es ist wahrscheinlich, dass das positive Ergebnis von einem einzigen Freizeitkonsum der Droge bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung stammt und keinen Zusammenhang mit meinem Reitsport hatte. Ich bin extrem enttäuscht und reuig, werde aber die volle Verantwortung tragen", teilte er in einem Statement mit. Die Sperrung von Jamie Kermond zieht aber nicht nur Konsequenzen für den 36 Jährigen mit sich, sondern gefährdet die Teilnahme der gesamten australische Springreiter-Equipe. Das Problem: Die australischen Springreiter haben sich als Mannschaft qualifiziert und nicht als Einzelreiter für die Individualprüfungen. Der Ersatzreiter Rowan Willis hatte bereits im Vorfeld entschieden, dass er und seine Stute Blue Movie die Reise nach Tokyo, aufgrund der damit verbundenen Strapazen und dem logistischen Aufwand, nicht antreten werden, sollte keine Garantie bestehen, dass das Pferd auch tatsächlich zum Einsatz kommt. Somit verblieben nur noch zwei Reiterinnen, Edwina Tops-Alexander und Katie Laurie. Die Möglichkeit, eine Mannschaft zu stellen, und somit ihre Teilnahmeberechtigung in Anspruch zu nehmen, war nicht länger gegeben. Nach einigen Diskussionen meldet sich der australische Verband mit der frohen Botschaft, dass beide Athletinnen als Einzelreiterinnen an den Start gehen dürften. Für Edwina Tops-Alexander sind es die vierten olympischen Spiele in ihrer Karriere, während Katie Laurie ihr Debüt auf dem olympischen Parkett feiern darf. In ihrem Statement zum finalen Urteil ist Lauries Freude über die Startgenehmigung offensichtlich: „Mir fehlen die Worte, um das Gefühl zu beschreiben, welches ich hatte, als ich gehört habe, dass Edwina und ich als Einzelreiterinnen starten können. Es war eine Achterbahn der Gefühle, aber nun sind wir bereit und so gespannt, nach Tokio zu kommen!“

Bild: Danielle G. Waldman

Olympia Aus für Danielle G. Waldman und Queensland E


Danielle G. Waldman, auch bekannt als „Flying Feathers“, macht kein Geheimnis daraus, dass sie bereits seit frühster Kindheit von einer Medaille bei den olympischen Spielen träumt. Durch ihren Vater, einst die Nummer 1 der Welt im Squash, lernte sie früh, was es bedeutet, eine Leistungssportlerin zu sein und formte schon während ihrer Zeit als Nachwuchssportlerin einen unbändigen Willen, ihr Ziel erreichen zu wollen. Die Olympischen Spiele in Tokyo wären ihre Chance gewesen, auf Medaillenjagd zu gehen, doch dazu sollte es leider nicht kommen. Waldmans olympische Odyssee beginnt, als sich ihr Top-Pferd Lizziemary verletzt. Doch auch wenn die Reiterin nichts unversucht ließ, um ihre Fuchsstute zu heilen, kommt die erschütternde Nachricht ihres Tierarzt-Teams: „Lizzie“ wird ihren Weg nicht mehr zurück in den Sport finden können. Die israelische Reiterin ist trotzdem nicht bereit, ihren Traum von Tokyo aufzugeben und konzentriert sich voll und ganz auf den Zangersheider Queensland E, der vorher bereits die Olympiahoffnung von dem niederländischen Reiter Frank Schuttert gewesen ist. Der Kauf von Queensland im Jahr 2020 mischt die Karten für "Flying Feathers" neu und es gelingt den beiden, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren.


In Tokyo angekommen, zeigt Queensland sich nach Aussagen der Reiterin schon während der Vorbereitung von seiner besten Seite. Nichtsdestotrotz lässt der nächste Rückschlag nicht lang auf sich warten und Danielle erhält die Nachricht, dass sie nicht als Einzelreiterin an den Start gehen darf. „Obwohl Queensland und ich bereit, willig und fähig sind, wurde verkündet, dass wir nicht in der Einzelprüfung starten werden. Ich bin sehr frustriert und enttäuscht, aber ich werde dennoch meine Teamkollegen und unser Land anfeuern“ teilte sie kurz nach der Entscheidung mit. Nachdem sie vorerst auch aus der Mannschaft gestrichen werden sollte, bekam sie dann, durch eine unglückliche Wendung ihres Teams in der Einzelwertung, eine weitere Chance auf Teilnahme. Nach dem Training mit Queensland am gestrigen Tag musste sie vor Ort feststellen, dass er nicht in der Lage sein wird, am Mannschaftswettbewerb teilnehmen zu können.


„Das war zweifellos die schwierigste Woche meines Lebens. Enorme Aufregung, gefolgt von Enttäuschung und dann wieder Vorfreude mit anschließender Trauer. Zu sagen, dass es eine Achterbahn der Gefühle war, wäre wirklich untertrieben. Ich kam nach Tokio um meinen olympischen Traum zu erfüllen.“ sagt sie und beteuert, dass das Wohlbefinden ihres Pferdes immer ihre oberste Priorität sein wird und somit über ihren persönlichen Träumen steht. Welche gesundheitlichen Probleme Queensland hat, ist derzeit noch unbekannt. Nichtsdestotrotz gibt sie einen positiven Ausblick auf die Zukunft: „Ich verlasse Tokyo mit einem Gefühl der Hoffnung. Mein olympischer Traum ist noch nicht vorbei.“