Medien-Hetze gegen ReiterInnen: Der Hass auf eine Sportart eskaliert im Netz

Die bisher drei Goldmedaillen (in der Dressur-Mannschaftswertung, in der Dressur-Einzelwertung und in der Vielseitigkeits-Einzelwertung) haben auch über den Reitsport hinaus für mediale Aufmerksamkeit gesorgt. Wie so oft rücken nun diverse Menschen unterschiedlicher Intentionen zusammen, um den Reitsport anzufechten und ihn als olympische Disziplin verbannen zu wollen.


Wer sich aktuell auf größeren Nachrichtenportalen die Bilder der jubelnden Reitsportler anguckt, dem wird beim Anblick der Kommentare ganz schlecht. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Dort lassen sich Menschen mit viel und wenig Ahnung gleichermaßen über den Reitsport im Allgemeinen und Speziellen aus. Den Reitsport mindestens als olympische Disziplin zu beenden ist eines der großen Ziele. Des Weiteren werden die ReiterInnen hauptsächlich als wohlhabende Oberschicht bezeichnet, die sich auf dem Rücken der Pferde ihre Träume erfüllen. Ein Pferd wurde bei den Olympischen Spielen eingeschläfert. Der Tod eines Pferdes bei einem Turnier in Deutschland feuert die Debatte weiter an und die Verletzung hätte eigentlich laut der selbsternannten Experten geheilt werden können. Die Reiterin, die aktuell noch im Koma liegt, erhält Todeswünsche, sie habe ihr Pferd schließlich selbst zu Tode gequält und verdiene nichts anderes. Diese und noch viele weitere Kommentare verbreiten sich im Internet wie ein Lauffeuer. An dieser Stelle ein kleiner Denkanstoß: Wer schreibt, der bleibt. Euer Name steht als Absender unter einem Kommentar, der das eigentlich Unaussprechliche so banal in die Welt hinaus feuert.


Viele der Medien springen auf das Gehetze auf, ganz vorne mit dabei beispielsweise der WDR. Dabei ist es doch eine große Doppelmoral, dass sie auf der einen Seite bei Quarks seit Jahren gegen den Reitsport hetzen - ganz sachlich versteht sich -, auf der anderen Seite jedoch den Reitsport für das Projekt Die mit den Pferden zum eigenen Vorteil nutzen. Denn bei Die mit den Pferden werden natürlich auch die ReiterInnen in den Himmel gelobt, die beispielsweise bei Quarks durch den Kakao gezogen werden. Fragliche Zusammensetzung des eigenen Programms, lieber WDR, man könnte natürlich behaupten, dass das ein unfassbar diverses Programm sei. Man könnte dem öffentlich rechtlichen Westdeutschen Rundfunk jedoch auch pseudo-neutrales Verhalten unterstellen. Aber das wäre alles nur Spekulation, die Wahrheit zu wissen maße ich mir an dieser Stelle nicht an.


Doch wo kommt er her, der Hass auf die Reitsportler? Die einen haben tatsächlich einfach keine Ahnung. Die plaudern das nach, was sie irgendwo aufgeschnappt haben und können sich nicht vorstellen, dass der Reitsport ein Sport ist. Häufig gesellt sich noch Wut auf die vermeintlich finanziell stark unabhängige Elite dazu. Völlig in Ordnung, wenn man noch nie auf einem Pferd gesessen hat oder dem Sport an sich nichts abgewinnen kann. Muss ja auch nicht jeder. Weniger in Ordnung, wenn man mit seiner mangelnden Ahnung unheimlich viel Meinung hat und diese dann auch noch - meist mit fragwürdigem Satzbau, verquerer Groß- und Kleinschreibung und dem gänzlichen Auslassen oder stattdessen der inflationären Nutzung von Satzzeichen - schwallartig in die sozialen Netze ergießt. Die anderen haben teilweise Ahnung, manche kommen sogar aus dem Reitsport und werden dann als Experten gefeiert - die müssen es schließlich wissen. Das wäre, als würde man nach dem Bekanntwerden der sexuellen Übergriffe auf die TurnerInnen in den Vereinigten Staaten schlussfolgern, alle TrainerInnen von LeistungsturnerInnen würden sich regelmäßig an ihnen vergreifen. Ein drastisches Beispiel, welches mit Sicherheit den ein oder anderen aus unterschiedlichen Gründen schlucken lässt, doch zeigt dieses Beispiel einmal mehr, dass die Verallgemeinerung der unausweichliche Tod einer jeden fruchtbaren Diskussion auf Augenhöhe ist.


Die schwarzen Schafe des Reitsports sorgen für mehr Wirbel. Das ist seit Jahren so, ich erinnere mich an eine Debatte auf Facebook, in der eine Frau Bilder vom Abreiteplatz beim CHIO Aachen zeigte. Natürlich waren dort Bilder dabei, die unschön waren. Allerdings wurden gekonnt die ReiterInnen ignoriert, die mit feinen Hilfen und sichtlich zufriedenen Pferden über den Platz getrabt sind. Man muss den Reitsport nicht blind beschönigen, aber man kann neben den Negativbeispielen, die aus dem Verkehr gezogen gehören, auch eine Plattform für diejenigen bieten, die die Pferde als Partner sehen und ohne Zwang und Qualen mit ihnen gemeinsam Höchstleistungen erbringen. Leider ist das einfach nicht genug Drama, denn positive Schlagzeilen schlagen nicht so hohe Wellen, wie die negativen. Und so frage ich mich, inwiefern die Medien ernsthaft ihre Moral, Integrität und Motivation hinterfragen sollten. Es wäre erfrischend, wieder mehr unabhängige, realistische und vor allem fundierte Berichterstattungen zu lesen und zu sehen, als mit weiteren einseitigen Beiträgen überhäuft zu werden, die große Dramen und möglichst viel Explosionsgefahr bieten. Je mehr sich die Menschen in den Kommentaren zerfleischen, desto besser. Es geht weniger darum, die Menschen zu informieren, als die reißerischste Überschrift zu schreiben. Qualitätsjournalismus aus dem Land der Dichter und Denker. Welch Ironie.


Der Reitsport darf und sollte nicht beschönigt werden, Missstände müssen aufgedeckt werden, schlechtes Verhalten sollte immer bestraft werden. Das Handeln eines jeden von uns beeinflusst die Außenwirkung unseres wundervollen Sports, dieser Verantwortung müssen wir uns bewusst werden. Wir arbeiten mit sensiblen Tieren zusammen, denen wir um jeden Preis für das, was sie täglich für uns leisten, danken müssen. Dankbarkeit bedeutet, die Pferde nach ihren jeweiligen Bedürfnissen so zu halten und sich so um sie zu kümmern, wie sie es benötigen. Das ist im Übrigen nicht immer das, von dem wir meinen, dass sie es benötigen würden. Die eigene und die tatsächliche Wahrheit unterscheiden sich nämlich in der Realität hin und wieder immens. Sich regelmäßig zu hinterfragen kann manchmal unangenehm sein oder gar wehtun, ist jedoch wichtig, um den Pferden ein wirklich gutes Leben zu bieten. Wer die Pferde nur ausnutzt oder gar misshandelt hat in unserem Sport nichts verloren. Wir müssen noch einiges verbessern, die Regeln im Sinne unserer Pferde stetig weiterentwickeln und uns vor allem an den beiden Goldmedaillen-Gewinnerinnen Jessica von Bredow-Werndl und Julia Krajewski ein Beispiel nehmen, die pferdegerechtes Reiten mit Leistungssport gekonnt vereinen und dafür mit der höchsten sportlichen Auszeichnung belohnt worden sind.


Reiten wird nur dann eine olympische Disziplin bleiben, wenn unser Sport eben auch als solcher angesehen wird - da genügt es leider nicht, unter einen Beitrag bei Facebook zu schreiben, dass Reiten sehr wohl ein Sport sei und die anderen keine Ahnung hätten. Dazu muss man das Bild eines Sportlers authentisch auf allen Ebenen nach Außen tragen. Inklusive des sportlichen Verhaltens gegenüber des Pferdes - unserem Freund, Familienmitglied, engem Vertrauten und eben auch Sportpartner.