#Kreutzbitte: Wir Reiter sind Nomaden

Ein Leben mit Pferden wird niemals langweilig, so viel ist sicher. Nicht nur, weil es wirklich immer etwas zu tun gibt, sondern auch, weil sie der wesentliche Bestandteil der sonderbaren Welt des Pferdesports sind, in der so ziemlich jeder Tag zum Abenteuer wird. Ich selbst sehe meine Karriere gerne als genau das: ein Abenteuer. Dabei denke ich an alles, was ich erleben durfte, alles, was ich noch erleben will und eben auch an alles, was mich dazu getrieben hat, dieses Abenteuer zu bestreiten. Letzteres finde ich besonders wichtig. Man sollte sich zwischendurch immer mal wieder daran erinnern, wie die Liebe zum Sport entstanden ist, damit eben diese niemals in den Hintergrund gestellt wird. Ich habe nämlich den Eindruck, dass das gerade in Profikreisen viel zu oft vergessen wird. Die Pferde und alles, was damit verbunden ist, sind zwar zu unserem Alltag - unserem Beruf - geworden. Aber nur, weil das alles alltäglich ist, ist es noch lange keine Selbstverständlichkeit.


Ich wünschte ich könnte sagen, dass meine Faszination noch nie von der Routine verschlungen wurde, aber das kann ich leider nicht. Ich gehöre zwar zweifelsfrei zu den leidenschaftlichen Sportlern, aber leider auch zu denen, die sich schnell in ihrem Trainingsalltag verrennen. Aber was soll ich sagen? Man weiß etwas eben erst dann am meisten zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat. Das letzte Turnier ist einfach viel zu lange her und wie schon bei der ersten Pandemie gab es keine Vorwarnung das es vorerst wirklich das letzte Mal bleiben würde. Vielleicht hätte man es dann mehr genießen können. Man hätte eventuell einen kleinen Moment länger inne gehalten und die Atmosphäre aufgesaugt. Stattdessen sind wir nichtsahnend abgereist. Es gab keinen Abschied. Keinen melancholischen, bedeutungsschwangeren Moment an den man sich später erinnern würde. Alles, was wir bekamen, war ein weiteres, zerstörerisches Virus, welches fatale Folgen mit sich gebracht hat. Und wieder war alles, was wir tun konnten, für Betroffene zu beten, abzuwarten und in stumpfer Monotonie auf das große Comeback hinzuarbeiten. Und auch wenn ich mich über meine wiedergefundene Leidenschaft freue, hätten wir allesamt auf diese Art von Déjà-vu verzichten können.

Der Anreisetag auf dem CSI ist für mich eigentlich immer der stressigste. Ich bin leider einfach kein Organisationstalent. Mittlerweile ist es ausschließlich die Routine, die mich nichts mehr Zuhause vergessen lässt und dazu beiträgt, dass wir wenigstens halbwegs pünktlich losfahren. Nichtsdestotrotz bin ich den ganzen Tag angespannt. Ich gehe alles tausendfach durch und finde für gewöhnlich keine Ruhe, bis meine Pferde nach dem bestandenen Vet-Check - gefüttert und mit vollen Wassereimern - in ihrer Box stehen. Doch dieses Mal ist es anders. Man könnte fast sagen, dass ich die rastlose Prozedur der Anreise genossen habe. Als unser Transporter auf die Straße rollt und ich das Rauschen des Motors im Ohr habe, merke ich erst, wie sehr ich das alles wirklich vermisst habe. Die gepackten Koffer im Flur und einen gewaschenen Schimmel in der Box. Die Anspannung vor der Reise und sogar den pandemiebedingten Papierkram. Mir fehlten die schlechten Snacks an der Tanke und die Schaumstoffmatratze meines Topsleepers. Die Aufregung vor dem Start, die Hektik auf dem Abreiteplatz, die Emotionen nach den Runden - die Liste ist lang. Schon jetzt weiß ich, dass das Wochenende intensiv sein wird. Ich nehme mir fest vor, jeden Moment zu genießen und mir ist bewusst, dass am Sonntag, wenn alles vorbei ist - egal, ob mit positiven oder negativen Ergebnissen - eine wüstenhafte Leere in mir herrschen wird. Ein gewaltiges, weitläufiges Nichts, gefangen in einem Körper, der morgens zum Training aufbrechen muss, aber eigentlich nur im Bett Ben&Jerry's essen möchte. Nicht bereit, das Geschehene gehen zu lassen, weil es einem trotz aller Bemühungen zu flüchtig vorkommen wird.

Okay, vielleicht übertreibe ich ein bisschen. Aber ich kann nichts dafür. Wir Reiter sind Nomaden, zu viel Eintönigkeit tut uns einfach nicht gut.