#Kreutzbitte: Unglaublich aber nicht unerwartet

„Unglaublich! Aber nicht unerwartet!“ waren die Worte des Kommentators, als Janne Friederike Meyer - Zimmermann im Jahr 2011 mit ihrem Lambrasco fehlerfrei ins Ziel flog und damit den Großen Preis von Aachen gewann. Das Bild von ihr - mit erhobenen Händen über dem letzten Sprung - ging um die Welt und katapultierte sie augenblicklich in die Herzen unserer Reitsportnation. Damals saß ich vor dem Fernseher und war gebannt von dem Ritt, der atemberaubenden Teamleistung von Janne und Lambrasco, aber auch von den ganz großen, ungefilterten Emotionen einer strahlenden Siegerin, für die sich an diesem Tag ein Traum erfüllt hatte. Noch heute, ein ganzes Jahrzehnt später, ist dies einer meiner Lieblingsmomente unserer Sportgeschichte. Weil ihr Sieg - ein Produkt von konstanter, harter Arbeit und Leidenschaft - in mir und unzähligen anderen etwas ausgelöst hat, wie es nur selten der Fall ist. Es war einer der Siege, der allen im Gedächtnis bleibt. Einer der Siege, die sich anfühlen, wie ein Sieg der Gerechtigkeit.

Der Anreisetag zu einem CSI ist für mich immer der stressigste. Zum Einen bin ich nicht wirklich ein Organisationstalent, und zum Anderen habe ich aktuell keinen Pfleger, der die Situation unter Kontrolle halten könnte. Es wundert mich also nicht, dass schon vor der Abreise nach Pinneberg die Welt zwei Mal untergegangen ist und das, obwohl ich nur ein Pferd dabei habe. Selbstverständlich fahre ich auch zu spät los, weil ich vorher noch ”schnell“ zwei Pferde reiten wollte und mich - wie sollte es anders sein - mal wieder in meiner Arbeit verloren habe. Letztendlich sitze ich völlig verschwitzt im Transporter und möchte mich gerade entspannen, als die liebliche Stimme meines Navigationssystems erklingt und mir freundlichst mitteilt, dass wir im Stau stehen werden. Keine Ausweichroute möglich. Mein Papa sagt zwar ständig, dass ich mich nicht über Dinge aufregen soll, die ich nicht ändern kann, aber Anreisetage führen mich immer wieder in Versuchung. Nichtsdestotrotz kommt meine gute Laune vom Morgen langsam zurück, denn dieses Mal gehtg es nicht auf irgendein Turnier - wir fahren zum Hof Waterkant. Auf ihrer eigenen Anlage haben Janne und ihr Mann Christoph, innerhalb von wenigen Monaten, ein CSI organisiert. Ich durfte die beiden bereits am Anfang des Jahres kennenlernen und ich ahne, dass die Geschichte von Janne und Christoph mehr ist, als nur die Chronologie einer sportlichen Laufbahn. Anfang, Mitte, Ende. Niederlage, Triumph. Ich ahne, dass bei ihnen mehr dahintersteckt. Leidenschaft. Mut. Hunger. Ein revolutionärer Blickwinkel. Sie sehen, dass aus einer abstrakten Vorstellung eine konkrete Möglichkeit werden kann. Ein eigenes internationales Turnier, während einer globalen Pandemie. Als vor drei Wochen mein Telefon klingelte und ich von ihnen gefragt wurde, ob ich die U25-Tour reiten wollen würde, implodierte mein junges Reiterherz fast vor Freude. Das CSI auf Hof Waterkant wird ein weiteres Stück Sportgeschichte aus dem Hause Meyer-Zimmermann und ich darf dabei sein, es mit meinen eigenen Augen sehen.

Springpferd Schimmel
Icemen de Paep und Lisa Marie Kreutz auf dem CSI in Pinneberg auf dem Hof Waterkant

Als Icemen am nächsten Morgen versorgt ist, schlendere ich mit meinem Kaffee in der Hand von den Stallzelten zum Hauptplatz. Ich lief am Abreiteplatz vorbei, grüßte ein paar befreundete Reiter und fand mich letztendlich, am Rande des Foodplazas, in der Riders Lounge wieder. Der Hauptplatz lag regungslos vor mir - ein bunter Pacours mit viel Liebe zum Detail, ein leerer Wall der auf Zuschauer wartet, ein Licht im Richterturm das den Tag ankündigt - und ich konnte sie spüren, die Erhabenheit dieses Moments. Die Ruhe vor dem Sturm des ersten Prüfungstages. Ich stelle mir vor wie es sein würde: entscheidende Distanzen, große Siege, bittere Stangenfehler. Applaus und Tränen. Das Glück und all die Träume. Erst jetzt realisiere ich, welche immense Bedeutung diese Veranstaltung haben wird. Für Christoph und Janne, für Sponsoren, den Holsteiner Verband, aber auch für mich persönlich. Eine junge Reiterin, eingeladen auf das Hausturnier ihres Kindheitsidols. Ich erinnere mich, wie viel Zeit ich damit verbracht habe, ihre Runden zu schauen und wie oft ich mir vorgestellt habe, wie es sein müsse, auf internationalen Turnieren zu reiten. Wie viele Jahre ich dafür gearbeitet habe, es tun zu können und wie es langsam aber sicher von einem Hobby zu meinem Beruf wurde. Von einem Traum zu meiner Realität. Ich bin dankbar, trinke den letzten Schluck meines Kaffees und lasse noch einmal den Blick über die Kulisse streifen: „Das Turnier hat ein Herz und eine Seele“ notiere ich mir.


Und so war es auch. Das CSI auf Hof Waterkant zeigte deutlich, welche Art Reiterin Janne ist, was Reitsport bedeutet und wie er im positivsten Sinne gelebt wird. "Es ist unglaublich, was Janne und Christoph auf die Beine gestellt haben", denke ich und erinnere mich an unsere erste Begegnung. "Aber nicht unerwartet", füge ich hinzu.

Fotos: Diana Wahl Photography und Photolomio Tierfotografie