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  • Lisa Marie Kreutz

#Kreutzbitte: Stärke ist etwas, das du dir aussuchst

Die Beziehung zwischen einem Trainer und seinem Schüler ist wohl die komplizierteste der Welt. Sie ist intensiv, aber dennoch professionell distanziert. Sie ist voller Individualität und deswegen auch so schwer zu definieren. Sie fordert beidseitige Hingabe, Glauben, Respekt, Teamgeist aber vor allem eines: Vertrauen.


Wir alle brauchen einen Trainer. Und auch wenn wir uns nicht vor gemeinsamer Arbeit verschließen, ist es meistens gar nicht so einfach denjenigen zu finden, mit dem man in allen genannten Komponenten wirklich harmoniert. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass Trainer, die ihre Schüler fördern wollen und für die ihr Job mehr als nur das - nämlich eine Herzensangelegenheit - ist, zu einer Seltenheit geworden sind.


Der erste, besondere Trainer


Zugegebenermaßen bin ich auch etwas geschädigt, was das Trainerthema angeht. Mein allererster Trainer hat die Messlatte nämlich unglaublich hoch gelegt und jeder, der danach kam, konnte ihm nur schwer das Wasser reichen. Er war ein ehemaliger Sportsoldat und hatte den Ruf die Zusammenarbeit relativ schnell zu beenden, sollte etwas nicht funktionieren wie er es sich vorstellte. Mein erster Trainer war laut, knallhart, erbarmungslos ehrlich und der erste Mensch, der von ganzem Herzen an mich geglaubt hat. Selbst dann, wenn meine Leistungen nicht seinen Erwartungen entsprachen, er wutentbrannt aus der Halle stürmte, gegen seinen Autoreifen getreten und davon gefahren ist: er kam immer wieder. Er war nicht nur Trainer, er war Familie. Er hat etwas in mir gesehen, dass meinen eigenen Augen lange Zeit verwehrt geblieben ist. Es war genau dieser Glauben, der mich eine Art Urvertrauen in seine Arbeit und später auch in mich selbst legen ließ. Es gab nie Zweifel, dass etwas nicht ausnahmslos in meinem besten Interesse passiert.

Ein direktes Lob habe ich zwar nur in den seltensten Fällen bekommen, aber es war auch nicht häufiger nötig. Wir hatten unsere ganz eigene Sprache und erschufen ein Umfeld, in dem Respekt mehr wert war, als ein paar lieb gemeinte Worte. Ein bloßes Nicken nach einer fehlerfreien Runde, ein Pfiff weil ich die riskantere Wendung ritt oder ein flüchtiges Lächeln, weil ich die Wassereimer für meine Ponys selbst trug, reichte aus. Aber mein absolutes Highlight: Sein Lachen. Er lachte häufig. Meistens dann, wenn eines meiner Ponys buckelte, unkontrolliert durch die Halle rannte oder mich mitten in den Oxer setzte. Was Außenstehenden auf den ersten Blick etwas bösartig erscheint - gerade dann, wenn man bedenkt, dass ich damals erst zwölf Jahre alt war - ist für uns eine Form der Anerkennung gewesen. Er lachte nicht aus Schadenfreude, er lachte, weil er ganz sicher wusste dass ich damit umgehen kann. In den meisten Fällen konnte ich es. Wenn ich es nicht konnte, versuchte ich es. Ich versuchte es, weil ich die Reiterin sein wollte, die er in mir sah. Ich versuchte es, weil ich dem Respekt, den ich mir hart erarbeitet hatte, gerecht werden wollte.


„Stärke ist etwas, das du dir aussuchst.“ hatte er damals gesagt und ich hatte keine einzelne Trainingsträne vergossen, bis sein Lachen für immer verstummte.


Ich gebe zu, dass wir ein sehr sonderbares Duo waren und seine Methoden nicht jedem zusagen würden. Und auch wenn ich nun einige Dinge anders handhabe, bin ich bis heute fasziniert von seiner Arbeit und allem, was er mir mit auf meinen Weg gegeben hat. Nach ihm folgten ein paar weitere Trainer, aber ich fand in keinem, was ich einst gehabt hatte. Selbstverständlich haben alle irgendwie ihren wichtigen Teil zu meiner sportlichen Karriere beigetragen, aber das hat leider nur selten auf Augenhöhe stattgefunden. Hingabe, Glauben und Respekt waren meist einseitig. Das alles hat mich Herz, Verstand und Zurechnungsfähigkeit gekostet. Den richtigen Trainer an seiner Seite zu haben ist eben von essenzieller Wichtigkeit und meine verkrampfte Suche nach dem, was ich für ”richtig“ hielt, drängte mich oft zu voreiligen, falschen Entscheidungen. Für einige Zeit versuchte ich es sogar ohne Trainer. Dabei flossen Tränen, Schweiß und Blut. Ich rang mit dem Schicksal und hatte viel Pech. Ab und zu hatte ich Glück, aber das vergesse ich schneller. Ich machte grobe Fehler und fragte mich, ob ich das, was die anderen Leben nennen, überhaupt verdiene. Ich ritt aber auch Nullrunden, fand geniale Distanzen und fragte mich, warum niemand meine Arbeit anerkennt. Ich bin oft verzweifelt und triumphierte selten. Ich fiel in den Sand, mit dem Gesicht voraus und lachte darüber. Ich riss mir Muskeln, hatte Kopf- und Herzschmerzen und in den Nächten, in denen es am wichtigsten gewesen wäre zu schlafen, raubten meine Nerven mir die Ruhe. Ich genoss es, das herrschaftliche Leiden eines Athleten.


Letztes Jahr versuchte ich mein Glück dann mit einem neuen Trainer und bin kläglich gescheitert. Genauer gesagt: Ich bin in meinem sportlichen Abgrund gelandet, weil dieser Trainer meinen Ambitionen keinen Glauben schenken konnte und mich dementsprechend trainierte. Ständig kam er zu spät zum Training, zum Pacours abgehen und auf den Abreiteplatz. Meine großen Träume faltete er klein. Was an einem Tag richtig war, war am nächsten schon wieder falsch. Er forderte viel aber verschloss stetig die Augen vor allem, was ich gab. Vielleicht lag es tatsächlich an mir - er sagt das bis heute - aber vielleicht hatten wir auch einfach nur keinen gemeinsamen Nenner. Fakt ist: Es ging mir fürchterlich schlecht. Insgeheim weinte ich viel in der Sattelkammer, ging nach Hause und weinte - oder schrie - weniger heimlich auf dem Küchenboden. Mit dem letzten bisschen Mut, den er mir gelassen hatte, trennte ich mich von ihm und stellte glücklicherweise fest: In den Grenzen der Reitsportwelt ist nichts unmöglich - solange ich mir Stärke aussuche, egal, was kommt.


Mein Trainer verteidigte mich bereits, als ich noch nicht seine Schülerin war


Aktuell bin ich wieder im Trainingslager bei meinem Reitlehrer. Trainerlos bleiben - wie in meinen Juniorenzeiten - ist keine realistische Option mehr gewesen. Immerhin habe ich große Ziele und benötige dafür die richtige Unterstützung. Darum habe ich mir bei der Suche viel Zeit gelassen. Ich habe mir verschiedene Optionen angeschaut, überlegt, was am Vernünftigsten wäre und mich sogar fast davon verabschiedet jemanden zu finden, der meine Ambitionen versteht. Letztendlich war es dann aber nicht die Vernunft, sondern ausschließlich mein Bauchgefühl, das mich meine Entscheidung treffen lies. Gelandet bin ich dadurch bei einem britischen Nationenpreisreiter, den ich bereits letztes Jahr kennenlernen durfte. Auf einem CSI der letzten Saison behauptete ein FEI-Steward, dass mein Sperrriemen zu fest wäre. Clintas hat allerdings einen Sportauspuff und atmet auch ohne Sperrriemen lauter, als ich nach dem Cardiotraining. Der Brite sah das Szenario, kam schnellen Schrittes auf uns zu und stand plötzlich in einem Verteidigungsmodus in der Situation, auf den jeder Staatsanwalt neidisch gewesen wäre. Er schob seine Finger durch den Riemen und gewann die Diskussion mit der nachdrücklichen Aussage „I have fat fingers!“


Diese Aktion beförderte ihn schon damals augenblicklich zu meinem neuen Lieblingsreiter und der Fakt, dass er mir das ganze letzte Jahr mental durch meine schwierige Phase half, tat das Übrige. Dieses Mal hatte ich Glück, darüber bin ich mir bewusst. Gute Trainer fallen leider nicht vom Himmel, aber wie meine Geschichte zeigt, darf man nicht müde werden, nach ihnen zu suchen und auf keinen Fall seine Ansprüche herunter schrauben. Die Bedürfnisse und Prioritäten eines jeden Athleten sind immer individuell, aber in keinem Fall verwerflich. Wir brauchen, was wir eben brauchen, und selbst - nein, gerade - an unseren Tiefpunkten dürfen wir nicht aufhören, nach jemanden zu suchen, der uns genau das geben kann.


Ich für meinen Teil bin zufrieden, mich daran gehalten zu haben. Vor allem dann, wenn Icemen sich über dem Wassergraben verdreht, direkt danach bockt, wild mit dem Kopf schlägt und ich es endlich wieder lachen höre.