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  • Lisa Marie Kreutz

#Kreutzbitte: Gewitter im Kopf

Es ist noch sehr früh und die ersten Sonnenstrahlen des Tages, reflektieren sich in Clintas dunklem Fell. Er schnaubt zufrieden unter mir, während ich versuche, das nervöse Kribbeln in mir zu kontrollieren. Springen war für mich immer wie atmen. Eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte nie Angst und vor allem keine Zweifel, es auf die andere Seite des Hindernisses zu schaffen. Momentan ist das leider ein bisschen anders. Man könnte sagen, ich habe ein Gewitter im Kopf.

Lisa Marie Kreutz mit Clintas

Als mein Trainer die Halle betritt, fängt mein Herz ein bisschen zu rasen an, weil ich weiß, dass es gleich losgeht. Kritisch schaut er zu mir hoch und ich kann ihm ansehen, dass er genau weiß, was gerade in mir vorgeht. Anstatt es zu überspielen, spricht er es an, und versichert mir erneut, dass wir alles in meinem Tempo machen. Ich muss nichts anreiten, was ich mir nicht zutraue. Das ist gut. Sehr gut. Und vermutlich der einzige Weg, mich wieder in den Grand Prix zu therapieren. Ich klopfe Clintas ein letztes Mal und genehmige mir einen tiefen Atemzug. Jetzt geht es los.


Im letzten Jahr lief sportlich nicht alles so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Nach meinem Umzug in ein anderes Bundesland, zu einem international erfolgreichen Trainer, hatte ich die Hoffnung, dass sich alle meine reiterlichen Probleme lösen werden. Ich wollte mich weiterentwickeln, lernen und mehr Professionalität in mein reiterliches System bringen. Anfangs hat das auch super funktioniert. Mein Auge hat sich enorm verbessert, ich habe gelernt sogar mit Icemen den Rhythmus halten zu können und meine Runden wurden immer ansehnlicher.


Das wichtigste Accessoire eines Sportlers: Der Glaube an sich selbst


Irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem ich die Kontrolle verloren habe. Plötzlich habe ich keinen Sprung mehr getroffen, hatte einen Unfall mit Clintas und meine Clear-round-Machine Icemen kam nur noch selten ohne Roller aus dem Springen. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden und war fürchterlich frustriert. Anstatt genau dann einen kühlen Kopf zu bewahren und vernünftig zu reflektieren, habe ich mir selbst die Schuld zugeschrieben. Ich habe wie besessen trainiert, wurde immer härter zu mir und weil auch das nicht die Lösung für mein Problem war, verlor ich letztendlich das wichtigste Accessoire eines Sportlers: Den Glauben an mich selbst.


Ich habe gedacht, dass wenn ich selbst unter perfekten Trainingsbedingungen nicht fähig bin, meiner Reiterei den nötigen Feinschliff zu verpassen, es vielleicht besser sei, es komplett zu lassen. In dieser Zeit tat mir jeder Muskel weh, ich hatte kaum noch Kraft und so etwas wie Freude zu empfinden wurde zur Seltenheit. Es gab sogar Momente, in denen ich auf dem Küchenboden lag und nicht mehr fähig war aufzustehen. Das war der Tiefpunkt meiner bisherigen sportlichen Laufbahn.

Darüber zu sprechen ist für mich alles andere als einfach, aber es ist nötig. Wir sind ständig umgeben von Perfektion. Auf Social Media wird nur ein kleiner, perfekter Ausschnitt des eigenen Lebens publiziert und auch im analogen Leben sprechen die Menschen nur sehr selten und ungern über Probleme und Tiefpunkte. Das ist zwar verständlich, dadurch vergessen wir allerdings viel zu schnell, dass diese Perfektion, die wir von uns erwarten, eigentlich gar nicht existiert. Schon gar nicht im Sport. Eine sportliche Karriere ist immer eine Achterbahnfahrt. Jeder hat mal Gewitter im Kopf. Das zu wissen macht das eigene tiefe Tal zwar nicht schmerzfreier, aber doch etwas erträglicher, wie ich finde. Nicht, weil es „immer jemanden gibt, dem es noch schlechter geht“ - ich bin keine Sympathisantin dieser Floskel - sondern weil es hilft zu wissen, dass man mit seiner Krise nicht alleine ist.


Eines der weiteren Hauptprobleme von uns jungen Reitern ist auch, dass wir eisern versuchen den vermeintlich richtigen Weg zu gehen. Wir gehen davon aus, dass mit einem guten Pferd und einem kompetenten Trainer, der schon so einige zum Erfolg geführt hat, nichts mehr schief gehen kann. Sollte das nicht funktionieren, geben wir uns selbst die Schuld und beginnen zu zweifeln. Es muss schließlich an uns liegen. Alles andere hat sich in der Vergangenheit mehrfach bewährt. In einer der vielseitigsten und individuellsten Sportarten ist das ist die größte Lüge, die wir uns überhaupt einreden können.


Das Wichtigste oder das eigene, individuelle System


Während der Recherche zu einem meiner Projekte außerhalb des Sattels, habe ich mich mit einigen Weltspitzenreitern getroffen. Danielle G. Waldman, auch bekannt als Flying Feathers, hat in dem Zuge über die Brutalität von schlechten Phasen gesprochen und mir gesagt, dass es nichts wichtigeres gibt, als sein eigenes, individuelles System zu finden. Jemand anderes ging noch einen Schritt weiter und hat mir anvertraut, dass er immer nur die Menschen um sich herum und niemals seine Ziele verändert hat. Das alles hat mich dann sehr intensiv zum Nachdenken gebracht. Bin wirklich ich allein das Problem? Was ist mit dem System, in das ich mich versucht habe zu drängen? Ist das überhaupt der richtige Weg für meine Pferde und mich gewesen? Die Antwort auf alle diese Fragen ist nein. Das bedeutet nicht, dass dieses System grundsätzlich schlecht ist, aber für uns war es langfristig einfach nicht der richtige Weg. Also mussten wir etwas verändern.


Wir sind zurück nach Hause gezogen, haben den Trainer gewechselt, ein neues System ausgeklügelt und im Moment befinden wir uns in einem mehrwöchigen Trainingslager. Außerdem haben wir uns viel Zeit genommen. Aber das Wichtigste: Wir haben nicht aufgegeben.


Clintas und ich haben bereits einige Runden hinter uns und zwei Jacken weniger im Gepäck. Meine Nervosität ist etwas abgeebbt und ich fühle mich tatsächlich ein wenig wohler. Mein Trainer ist zufrieden, aber fragt mich dennoch, ob es noch irgendetwas gibt dass ich heute tun will. Er spricht mit mir, reflektiert und geht voll und ganz auf meine Bedürfnisse ein. Das gibt mir Sicherheit. Was ich vor zwei Wochen noch für unmöglich gehalten hätte, kommt mir jetzt ganz einfach und sogar mit einem kleinen Lächeln über die Lippen: „Mach den Steil nochmal zwei höher, bitte.“