• Lisa Marie Kreutz

#Kreutzbitte: Alles oder nichts

Ich erinnere mich bis heute gut an mein allererstes Interview. Nachdem ich am Finaltag den zweiten Platz der Ponytour beim Gera Summer Meeting gemacht hatte, saß ich zum ersten Mal einer Journalistin gegenüber. Sie hatte kurze, rote Haare, trug einen Hut und platzierte ein Diktiergerät zwischen uns. Sie fragte mich, wie ich mir meine Zukunft im Reitsport vorstelle und ich habe ganz entschlossen geantwortet: „Ich möchte Profireiterin werden“. Damals war ich gerade mal 11 Jahre alt, die Journalistin hat zwar gelacht, aber die Aussage im finalen Artikel tatsächlich ganz genau so wiedergegeben. Das war vermutlich auch das erste Mal, dass ich mich fühlte, als wäre mein Berufswunsch nicht sofort in der Schublade des kindlichen Ehrgeizes, neben den ganzen Astronauten und Ballerinas, gelandet.

Zugegebenermaßen war meine Vorstellung eines Berufsreiters mit 11 Jahren noch sehr realitätsfern, aber der Wunsch der Profikarriere ist mir über meine gesamte Nachwuchszeit hinweg erhalten geblieben. Dennoch habe ich neben dem Reitsport noch viele andere Dinge in meinem Leben gemacht, genossen und auch immer weiter geplant. Ich hatte ja Zeit und das Wort „Profikarriere“ auszusprechen, ist immer einfacher, als es in die Tat umzusetzen. Doch irgendwann kam er dann. Der Punkt einer Sportkarriere, an dem alle Leistungssportler früher oder später landen. Der Moment, dem ich selbst sehr lange ausgewichen bin. Der Moment dieser einen, großen, immens wichtigen Entscheidung, die ich gefühlt noch nicht bereit war zu treffen aber treffen musste. Ich wusste: Ab jetzt geht es entweder um alles, oder um nichts mehr - ganz oder gar nicht sozusagen. Sicher, ich hatte schon immer den Löwenanteil meiner Energie, Leidenschaft und Zeit in den Reitsport investiert, doch da waren noch etliche Pläne in meinem Hinterkopf, auf die ich hätte zurückgreifen können. Berufsreiter zu werden ist eben nochmal ein ganz anderes Level. Während des Entscheidungsprozesses erlebte ich eine Achterbahnfahrt der Gefühle und auch meine bisherige felsenfeste Entschlossenheit musste dem ein oder anderen Zweifel weichen.


Ich denke, wir alle kennen diese Momente, während derer man sich fragt: Wofür mache ich das alles? Der Körper fühlt sich an wie eine leere Hülle und man schwebt aus sich heraus, sieht sich von oben dabei zu, wie man bei Minusgraden im Stall steht und sein Pferd sattelt, die Hände schon taub und die Lippen leicht bläulich. Wofür? Die vielen Tage, an denen man erst spät nach Hause gekommen ist, die Beine schmerzen, die Hände blutig von den Zügeln und am ganzen Körper blaue Flecken. Man legt sich in die Wanne, alles tut weh und der Gedanke, am nächsten Morgen wieder im Sattel zu sitzen, ist nicht mehr so verlockend wie noch vor einigen Jahren. Außerdem steht noch die Frage im Raum, ob ich dafür bereit bin. Bin ich überhaupt gut genug? Und wenn ja, welcher Weg ist der richtige für mich? Das war der Moment, in dem ich mich plötzlich an alles Negative erinnert habe, was irgendwer mal irgendwann über mich als Reiterin gesagt hat und das erste Mal, dass ich das alles fast geglaubt habe. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich in der Zeit der Entscheidungsfindung kaum geschlafen habe. Die Angst zu scheitern hat mich konsumiert und ich habe sehr ernsthaft über alternative Lebenswege nachgedacht. Ich habe mir intensiv ausgemalt, wie mein Leben aussehen würde, wenn ich etwas anderes tun würde und habe Folgendes festgestellt: Es gibt nichts auf der Welt, das mich so traurig und so wütend machen kann, wie der Reitsport. Nichts, das mich dazu bringt, mich so sehr zu hinterfragen und an mir zu zweifeln. Es gibt aber auch wirklich nichts anderes, das mich so unglaublich glücklich macht.

Ich habe meinen ganz eigenen, individuellen Weg gefunden und ihn verfolgt. Dabei habe ich Sponsoren und ein Team, die mich auf jedem Schritt meiner Karriere begleiten. Dafür bin ich dankbar und versuche, in jedem Tag das Beste zu sehen. Es wird immer wieder Tage geben, an denen man alles hinterfragt und sich Zweifel einschleichen. Tage, an denen man unmotiviert ist oder nicht weiß, wie es weitergehen soll. Man wird auf die schmerzliche Art und Weise lernen, dass der Schlüssel zum Erfolg ausnahmslos Beständigkeit ist und es gerade in jungen Jahren Kollegen gibt, die schon viel weiter sind als man selbst. Es werden Pferde kommen, die einen an die Grenzen bringen und Situationen geben, die dich dazu zwingen, dir wieder neue Wege zu suchen. Aber die von euch, die bereit sind, all diese Widrigkeiten und Strapazen auf sich zu nehmen, denen kann ich sagen: Es lohnt sich. Man wird belohnt und zwar über die Maßen. Mit Applaus, mit Niederlagen, aus denen man Neues lernen kann. Mit der Liebe und dem Vertrauen der Pferdepartner, mit den vielen, fantastischen Menschen, die von Team zu Familie und von Turnierbekanntschaften zu Freunden werden. Letztendlich bleibt zu sagen, dass um so etwas wie Reitsport als Beruf zu wählen, sehr viel Mut und der unbedingte Glauben das man in den Sattel gehört nötig ist. Man muss bis in das Innerste seines Wesens davon überzeugt sein, dass man dazu berechtigt ist, sich zu nehmen, was man möchte. Ist der Weg dahin - gerade als selbstkritischer Sportler - hart? Ja. War es trotzdem die beste Entscheidung meines Lebens? Definitiv.