Herpes-Impfpflicht: Ein persönlicher Kommentar

Anfang Juli 2021 beschloss der Beirat Sport die Einführung der Impfpflicht gegen das Herpesvirus für Turnierpferde ab dem 01.01.2023. Dieser Beschluss sorgte für großen Zuspruch und gleichermaßen laute Proteste. In meiner Brust schlagen zwei Herzen, denn natürlich möchte ich meine und auch andere Pferde schützen - allerdings nicht um jeden Preis!


Der Sinn von Impfungen ist in meinen Augen unanfechtbar: sie sind ein massiver Zugewinn für unsere Welt, schützen und vermeiden größeres Übel. Zumindest ist das der Idealfall. Jedoch gibt es mit dem Herpes-Impfstoff mehrere, nicht zu unterschätzende Nachteile. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat vor allem den Nachteil in den Vordergrund gestellt, dass die Impfung das Individuum nicht vor einer Infektion schützen würde. Weitere Nachteile wurden bislang wenig bis gar nicht kommentiert oder behandelt, zumindest wäre es meiner Aufmerksamkeit entgangen, an dieser Stelle gerne eine Berichtigung, sollte die FN sich mittlerweile auch über die anderen negativen Aspekte geäußert haben. Ansonsten werden vor allem die vielfältigen Vorteile betont. Jedoch ist der einzige Vorteil die potentielle Eindämmung - nicht die garantierte. Das individuelle Pferd wird trotz der Impfung nicht vor einer Erkrankung geschützt.


Das Hauptproblem der aktuellen Impfstoffe gegen Herpes ist, dass sie nicht weiterentwickelt worden sind und dementsprechend auch keinen vollständigen Schutz bieten können. Die Pferde können trotz Impfung weiterhin Träger sein, sprich andere anstecken und auch selbst angesteckt werden. Zudem sind die Impfreaktionen der Pferde teilweise immens. Eines meiner Pferde war knapp vier Wochen nach der Impfung noch leicht ataktisch, ein anderes meiner Pferde hat vor mehreren Jahren durch die Herpes-Impfung einen neuronalen Schaden davon getragen, welcher ihn bis heute einschränkt. Ein weiteres meiner Pferde ist nach jeder Herpes-Impfung am Ende seiner Kräfte gewesen, bekam an der Einstichstelle eine riesige Beule und war wie gelähmt. Jedes Mal musste mein Tierarzt kommen. Wegen dieser Erfahrungen ist zum aktuellen Zeitpunkt keines meiner Pferde gegen Herpes geimpft, denn trotz eines Impfstoffwechsels und mehreren Versuchen - eine Impfreaktion kann nämlich auch nur einmalig auftreten - zeigten zwei meiner Pferde jedes Mal eine starke Reaktion und eines hat einen irreparablen Schaden davon getragen hat. Die Quote finde ich persönlich relativ erschreckend.


Meines Erachtens ist es dementsprechend in Anbetracht des aktuellen Standes des Impfstoffes völlig indiskutabel und fehl am Platz, eine Impfpflicht einzuführen. Der Impfstoff deckt nur eine Form von Herpes ab, bietet jedoch nachweislich viele Nebenwirkungen. Hinzu kommt, dass das einzelne Pferd eben nicht durch die Impfung geschützt wird, es werden nur weniger Viren ausgeschüttet. Vor allem die Tatsache, dass nur Turnierpferde geimpft werden müssen, stellt in meinen Augen eine beträchtliche Lücke dar, denn wenn aus einem Stall mit dreißig Einstellern nur zwei Turniere reiten, sind zwei von dreißig Pferden definitiv geimpft. Von dreißig Pferden würden also nur zwei im Falle des Falles weniger Viren weitergeben. Sollte man also auf Biegen und Brechen eine Impfpflicht einführen wollen, dann müsse diese für alle Tiere gelten, nicht nur für die Turnierpferde. Sonst macht für mich die Argumentation an dieser Stelle keinen Sinn. Natürlich sind Turnierpferde, die öfters mal von A nach B fahren, eine Risikogruppe. Jedoch können eben auch diese geimpften Turnierpferde weiterhin Herpes-Viren mit nach Hause bringen, wo sie dann - um mal bei dem Beispiel der dreißig Pferde zu bleiben - auf vermutlich 28 ungeimpfte Pferde treffen. Vor allem, wenn man zudem noch mit in die Waagschale wirft, dass nach aktuellem Stand die FEI sich noch nicht für eine Herpes-Impfpflicht auf internationalen Turnieren ausgesprochen hat. Der Fairness halber sollte man jedoch hinzufügen, dass im Galopprennsport, sowohl auf deutscher, als auch auf internationaler Ebene, eine Herpes-Impfpflicht bereits besteht. Demnach bleibt es abzuwarten, ob die FEI diese Entscheidung ausweiten wird.


Diese Regelung wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, so meine These, zu weiterem Vereinssterben führen, gerade nach Corona ein herber Schlag für den Amateursport, welcher die Basis des internationalen Geschehens ist. Viele Turnierreiter sind nicht jedes Wochenende mit zwei bis drei Pferden unterwegs, sie reiten vielleicht wenn es hoch kommt alle zwei Monate mit einem Pferd eine Prüfung. Oder nehmen nur jährlich am Vereinsturnier teil. Viele dieser Reiter werden sich nun gegen die Teilnahme an Turnieren entscheiden, da das Risiko im Vergleich zu den positiven Aspekten einfach zu hoch ist. Für eine Prüfung das Wohlbefinden des Pferdes auf's Spiel setzen? Eher nicht. Auch die Pferde, die starke Impfreaktionen zeigen, werden in Zukunft vom Turniersport ausgeschlossen. Atteste für Pferde, die nach jeder Impfung starke Reaktionen zeigen oder jene, die bereits einen langfristigen Schaden davongetragen haben, wird es nicht geben. Ausnahmen werden laut der FN nicht eingeräumt. Das betrifft dann vom E-springenden Pony bis zur großen Nachwuchshoffnung im Viereck alle Pferde.


Natürlich ist es wichtig, eine Lösung zu finden, die unsere geliebten Vierbeiner schützt, das wollen wir alle. Wie schlimm so ein massenhafter Ausbruch sein kann, hat uns die EHV-1-Welle gezeigt, die ihren Ursprung im März 2021 in Valencia nahm, bei dem 18 Pferde starben. Viele Pferdebesitzer würden ihre Pferde impfen lassen, würden die Vorteile die Nachteile auch in der Realität überwiegen. Doch viele sind der Meinung, dass das zum aktuellen Zeitpunkt leider nicht gegeben ist. Der Ansatz, die Pferde zu schützen, ist gut, wichtig und richtig, da herrscht komplette Einigkeit - jedoch ist der eingeschlagene Weg leider nicht vollends durchdacht.