Embryotransfer - Ein gefährlicher Schritt für die Zucht?

Mittlerweile ist der Embryotransfer in aller Munde und spaltet die Pferdewelt. Vor allem eine der neuesten Entscheidungen der Vorstandssitzung des Holsteiner Verbands sorgte für einen Aufschrei in den sozialen Medien: im Dezember 2021 soll ein Pilotprojekt auf den Weg gebracht werden. Die Rede ist von einer Auktion von Embryonen, die eine besondere Genetik aufweisen. Vielen Pferdefreunden geht dieser Schritt entschieden zu weit.


Das ist ein Embyrotransfer


Der Embryotransfer ist mittlerweile eine feste Größe im täglichen Ablauf diverser Tierärzte. Bereits im Jahr 1974 wurde das erste Embryotransfer (ET) Fohlen in Italien gezüchtet. Seit Beginn des Jahrtausends hat sich diese Technik auch in Deutschland etabliert, sodass 2020 rund 1.000 ET-Fohlen das Licht der Welt erblickten, Tendenz steigend.


Stuten, die züchterisch und genetisch besonders wertvoll sind, kann man in einem Jahr mehrfach spülen. Das bedeutet dann auch, dass man in einem Jahr aus einer Stute mehrere Fohlen erhalten kann. So kann nicht nur ein Hengst sich mehrmals im Jahr reproduzieren, auch wenn die Möglichkeiten bei den Stuten selbstverständlich auch weiterhin deutlich begrenzter sind. Dies kann vor allem für Züchter spannend sein, deren Stuten im Sport aktiv und erfolgreich laufen, da der Embryotransfer die Möglichkeit bietet, mit der Stute im übertragenen Sinne zu züchten, ohne ihre Sportkarriere zu unterbrechen oder zu beenden. Außerdem kann man auf diese Weise mit Stuten züchten, deren Allgemeinzustand eine Trächtigkeit ausschließen würde, beispielsweise wenn orthopädische oder gynäkologische Befunde vorliegen.


Gefahren des Embryotransfer


Die Gefahr des Embrotransfers liegt vor allem in der Möglichkeit der Übertreibung, so wird von Tierärzten geraten, eine Stute drei, maximal jedoch vier Mal im Jahr zu spülen. Ansonsten kann die Gebärmutter der Spenderstute überbeansprucht wird. An dieser Stelle sind dann vor allem die Tierärzte in der Verantwortung, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen und den Züchtern zu empfehlen, der Stute bis zum Folgejahr eine Pause zu geben.


Wichtig ist, die Stuten nicht zu stark zu belasten und vor allem sie nicht auszubeuten. Das ist allerdings nicht nur auf den Embryotransfer bezogen wichtig, sondern sollte eine Grundhaltung eines verantwortungsbewussten Pferdemenschen sein.


Die Empfängerstute


Die größte Bedeutung misst man - neben der Spenderstute und der guten Samenqualität des Hengstes - der Empfängerstute bei. Experten empfehlen, dass die Empfängerstute zwischen drei und zwölf Jahren alt sein sollte und im Idealfall schon ein Fohlen gehabt haben sollte, sodass Informationen vorliegen, ob die Stute über Muttereigenschaften und eine gute Milchqualität verfügt.


So funktioniert Embryotransfer


Die Spenderstute wird sediert und der Embryotransferschlauch in ihre Gebärmutter eingebracht. Um ihn zu stabilisieren, wird eine kleine Blase am Schlauch mit Luft aufgepumpt. Nun wird eine sterile Ringer-Lactat-Lösung durch den Schlauch in die Gebärmutter laufen gelassen, je nach Größe der Gebärmutter zwischen einem und fünf Liter Flüssigkeit. Danach lässt man die Lösung wieder auslaufen. Diesen Vorgang wiederholt man und fängt dabei die Flüssigkeit in einem Auffangbecken mit Filter ein. Dieser Filter ist so fein, dass jeder noch so kleine Embryo aufgefangen wird.


Die gefilterte Restlösung wird anschließend unter dem Mikroskop nach Embryonen untersucht. Hat man kein Glück und es befinden sich nach zwei Spülungen keine Embryonen in der Lösung, wird der Spülvorgang insgesamt drei- bis viermal wiederholt.


Anschließend werden die Embryonen gewaschen, von anderen Zellen befreit und in eine Nährlösung gebracht. Damit der Embryo anwachsen kann, müssen Spender- und Empfängerstuten einen fast synchronen Zyklus haben. Der Idealfall ist ein Eisprung am gleichen Tag, ein Unterschied von zwei bis drei Tagen ist allerdings nicht schlimm, sofern die Empfängerstute später ovuliert. Die Embryonen können auch eingefroren und dann jahrelang gelagert werden, jedoch liegt der passenden Moment des Einfrieren in einer schmalen Zeitspanne von nur 12 Stunden.


Kosten


Der Embryotransfer ist deutlich kostspieliger, als eine herkömmliche Besamung. Rund 800 bis 1.000 Euro muss ein Züchter pro Zyklus einrechen, exkludiert sind dabei noch die Kosten für den Samen des Hengstes und die Leihgebühr für die Empfängerstute.


Die Auktion von Embryonen mit besonderer Genetik


„Ich freue mich sehr, dass der Holsteiner Verband seinen Züchtern und Kunden die Möglichkeit eröffnet, sich an den Vermarktungsmöglichkeiten moderner Reproduktionstechniken zu beteiligen“, sagt Geschäftsführer und Vermarktungschef Roland Metz. „Besonders interessant finde ich, dass die angebotenen Embryonen zu dieser Jahreszeit bereits sehr lange angewachsen sein werden und damit das Risiko für die Käufer minimiert ist“, so Metz weiter. Des Weiteren konnten auf der Basis einer langen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit der R+V-Versicherung optimale Versicherungsbedingungen für die Kunden der Embryo-Auktion ausgearbeitet werden.


Die Auktion von Embryonen ist keine Innovation, unsere Nachbarländer sind bereits deutlich aktiver im Handel mit Embryonen. Dennoch drängt sich die Frage auf: wie weit sollten wir Menschen in die Natur eingreifen und aus einer Stute deutlich mehr Fohlen ziehen, als es ihr in der Natur möglich wäre? Wie stellt man sicher, dass sich kein Massenmarkt bildet, der auf dem Rücken der Empfängerstuten ausgetragen wird? Diese und viele weitere Fragen beschäftigen die Kritiker. Auf der anderen Seite haben wir dank der Wissenschaft nun die Möglichkeit, wertvolle, wichtige Genetik zu erhalten und zu fördern und auch Stuten können ihr Können auf Turnieren unter Beweis stellen.


Eure Meinung ist uns wichtig!


Das Thema ist sicherlich nicht einfach zu greifen, deswegen würde uns eure Meinung zu dem Thema interessieren: geht eine Auktion mit Embryonen zu weit? Ist bereits der Embryotransfer an sich ein Schritt in die falsche Richtung? Oder ist es eine wichtige und richtige Entscheidung, die Zuchtszene zu revolutionieren? Schreibt es in die Kommentare, wir freuen uns auf einen sachlichen, fairen Austausch mit euch!