Der erste Ritt auf einem selbstgezogenen Fohlen: Zwischen Himmel auf Erden und blanker Ernüchterung

Endlich war es so weit: Der erste Ritt auf Cosma stand an. Nach über vier Jahren war die Freude riesig, doch auch meine Erwartungen an das erste Mal auf ihrem Rücken waren mit der Zeit immer mehr gewachsen. Ein Fehler, der mich mental blockierte. Doch im Nachhinein ist man immer schlauer.


Seit dem ersten Tag verbunden


Das erste Fohlen ist etwas ganz besonderes. Ich war bei Cosmas Geburt dabei, habe den ersten Atemzug an der frischen Luft miterlebt, habe sie aufwachsen sehen und sie bei ihren ersten Schritten unter dem Sattel begleitet. Ich habe sie auf der Wiese besucht und war nun auch dabei, als sie nach über einem Jahr Pause erneut und dieses Mal final geritten werden sollte.


Auch hier durfte ich sie begleiten, dieses Mal auch nicht nur als Zuschauer, sondern als Teil des Ganzen. Ich habe sie unter der Woche täglich um mich gehabt, habe wann immer es ging beim Reiten zugesehen und mich am Wochenende dann alleine um die Bewegung gekümmert. Meistens an der Longe, in der Halle beim Freilaufen oder beim Spazierengehen um unsere Weiden. Ich fieberte auf den Tag hin, als ich das erste Mal auf meiner Cosma sitzen würde und nach über vier Jahren Wartezeit endlich herausfinden würde, ob wir zusammenpassen würden.


Zwischen Wunsch und Realität


Ich malte mir in den schönsten Farben aus, wie ich das erste Mal auf Cosma durch die Halle reiten würde. Sicherlich, in Jungpferde-Manier noch nicht sicher, man würde uns ansehen, dass es sich hierbei um ein ganz junges Pferd und auch um ein sich noch nicht ganz bekanntes Pferd-Reiter-Paar handeln würde. Doch träumte ich dennoch davon, mit meinem Pferd in der Reithalle außen herum zu traben und zu galoppieren.


Der Tag kam und ich war Feuer und Flamme. Mein Trainer ritt sie, danach sollte ich aufsteigen. Natürlich war mir zu dem Zeitpunkt bewusst, dass Cosma noch am Anfang ihrer Reitpferdekarriere stand, sprich ihr Gleichgewicht und allgemein ihr Gefühl für ihren Körper noch nicht so ausgeprägt waren, wie ich es von meinen erwachsenen Pferden im Stall kenne. Doch unter meinem Trainer sah sie gut aus: sie trabte zwar nicht in einer perfekten Linie gerade aus, wenn sie an die Hallenseite ohne Bande kam, jedoch wirkte sie trotzdem stabil. Bis ich aufstieg.


Mein Fuß berührte den Bügel. Ich schwang mein Bein über sie. Ich freute mich auf das, was nun passieren würde. Und erst einmal passierte etwas, womit ich absolut nicht gerechnet hätte: Es passierte absolut nichts. Cosma blieb einfach stehen. So hatte ich mir meinen ersten Ritt sicherlich nicht vorgestellt. Das war schließlich kein Ritt, das war Stand. Nach ein paar Aufforderungen hatten wir die erste Hürde gemeistert und sie lief Schritt. Allerdings relativ triebig. Irgendwie faul. Ich fühlte mich total verloren auf diesem großen, wackeligen Pferd, welches anscheinend kein großartiges Interesse hatte, meinen Traum zur Realität werden zu lassen.


Um sie anzutraben brauchte ich mehrere Versuche. Als ich sie endlich im Trab hatte, konnte ich diesen nur ein paar wenige Schritte halten. Ich war traurig und irgendwie auch wütend auf mich selbst. Natürlich ist mein Trainer ein professioneller Reiter und die Ausbildung von Pferden ist sein Job, doch hatte ich gehofft, dass es für mich nur halb so einfach sein würde, wie es bei ihm aussah. Ich wusste, dass es für mich schwerer sein würde, ich hatte mir aber nicht ausgemalt, dass es so schwierig werden würde. Etwas geknickt stieg ich ab. Ich hatte mich noch nie so unfähig gefühlt.


Aller guten Dinge sind drei


Am Folgetag stieg ich erneut auf. Es war ein wenig besser, jedoch meines Erachten nicht bedeutend besser. Ich konnte keinen Zirkel reiten, bei mir schlingerte sie nur so durch die Gegend und ich hatte das Gefühl, meine eigenen Beine seien Pudding. Ein paar wenige Runden Trab, an Galopp war nicht einmal zu denken, ich konnte mit ihr nicht einmal die einfachsten Wendungen reiten. Danach war ich wieder relativ nachdenklich und überlegte, ob ich dieser Aufgabe einfach nicht gewachsen sei.


Wiederum einen Tag später sollte ich zum dritten Mal aufsteigen. Dieses Mal war irgendwie alles anders. Ich weiß ehrlicherweise nicht, was genau sich verändert hatte. Ich vermute, dass meine Grundeinstellung sich verändert hatte, das romantische Idealbild war verpufft und so war mein Kopf freier. Ich hatte mir unterbewusst anscheinend Druck gemacht und war enttäuscht davon, dass mein Wunsch und meine Realität so weit auseinander drifteten. Dadurch wollte ich umso mehr zu einer Einheit mit meinem Pferd verschmelzen. Am dritten Tag hatte ich keinerlei Ambitionen und das ist vermutlich der Schlüssel zum Erfolg gewesen. Denn an diesem Tag konnte ich sie im Schritt, Trab und sogar Galopp reiten, für mehrere Runden, ich wechselte die Hand, ritt auf dem Zirkel und konnte auch aus der Ecke kehrt reiten. Dinge, die an den beiden vorangegangen Tagen undenkbar gewesen wären.


Vermutlich war ich genau in dem Moment der glücklichste Mensch auf der Welt. So hatte ich es mir vorgestellt! Es war nicht perfekt, aber es war ein Anfang. Und das war alles, was ich wollte.


Das Ego runterschlucken


Ich hab noch eine Weile über diese drei Tage nachgedacht und dabei ist mir aufgefallen, dass eine Sache ganz wichtig gewesen ist: Ich musste über meinen eigenen Schatten springen und mein Ego runterschlucken. Natürlich halte ich mich nicht für die beste Reiterin der Welt, dennoch bin ich in meinen Augen auch nicht so unfähig, wie es sich die ersten beiden Tage auf Cosma angefühlt hat. Mein Wunsch nach einem perfekten Ritt, der in der Form gar nicht möglich war, stand mir massiv im Weg.


Mein Trainer sagte zu mir, nicht genau in dem Wortlaut, jedoch sinngemäß: "Der beste Reiter der Welt, der alle großen Springen gewinnt, kann noch lange nicht automatisch deswegen ein Jungpferd ausbilden". Ich glaube, dass es bei mir bei genau diesem Satz geklickt hat. Zwar bin ich weit entfernt vom besten Reiter der Welt, doch ich kann zumindest meine Pferde so reiten, dass wir voran kommen. Dadurch kann ich jedoch nicht automatisch meinen beiden Jungstuten so reiten, dass wir voran kommen. Momentan müssen wir uns nämlich erst einmal aneinander gewöhnen, die Ausbildung übernimmt mein Trainer. Als ich verstanden und vor allem verinnerlicht habe, dass ich tatsächlich niemandem etwas beweisen muss, auch nicht mir selbst, war ich plötzlich viel ruhiger. Mir war es plötzlich nicht mehr peinlich, vor meinem Trainer die lange Seite runter zu schlingern. Mir war es auch nicht unangenehm, als Cosma zweimal hintereinander falsch angaloppiert ist. Denn so etwas passiert, wenn Pferd und Reiter sich aneinander gewöhnen müssen und beide keine Profis auf ihrem Gebiet sind.


Die gemeinsame Zukunft


Nun freue ich mich auf eine gemeinsame Zukunft mit Cosma, ohne falschen Ehrgeiz und zu schnelles Handeln. Ich freue mich, dass ich so lange gewartet habe und die Ausbildung einem erfahrenen Reiter in die Hände gelegt habe. Solange lernen wir gemeinsam unter Aufsicht und gewöhnen uns Stück für Stück aneinander. Bis dahin freue ich mich über jeden noch so kleinen Schritt und ärgere mich nicht über das, was ich noch nicht richtig vermitteln kann. Cosma ist ein tolles Pferd und wir stehen noch ganz am Anfang.