Warum ich (leider) keine Reitschule habe
- Harriet Charlotte Schulz

- vor 7 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Annahmen
ein Schulpferd läuft Montag bis Freitag jeweils eine Unterrichtsstunde
Wochenende frei bzw. nur Bewegung, Weide oder Bodenarbeit
22 abrechenbare Reitstunden pro Monat
Monatliche Kosten pro Pferd
Kostenpunkt | Kosten/Monat |
Heu, Kraftfutter, Mineralfutter, Wasser | 170 € |
Schmied | 35 € |
Impfungen, Wurmkuren, Zahnbehandlung | 30 € |
Tierarztrücklage | 50 € |
Physio (umgelegt) | 30 € |
Sattler | 15 € |
Ausrüstung | 20 € |
Haftpflicht- und OP-Versicherung | 90 € |
Sonstige Rücklagen | 30 € |
Anteil Reitschulbetrieb (Versicherung, Verwaltung usw.) | 100 € |
Gesamtkosten Pferd: 570 € pro Monat
Kosten pro Unterrichtsstunde
570 €
÷ 22 Unterrichtsstunden
= 26 € pro Reitstunde
Das sind ausschließlich die Kosten dafür, dass das Pferd gesund, versorgt und einsatzbereit ist.
Der Unterricht selbst ist dabei noch nicht bezahlt.
Arbeitszeit
Zu einer Unterrichtsstunde gehört nicht nur die eigentliche Reitzeit.
Dazu kommen beispielsweise:
Pferd kontrollieren
Putzen und Satteln begleiten
Unterricht vorbereiten
Unterricht durchführen
Nachbesprechung
Pferd nach der Stunde versorgen
Organisation und Kundenkommunikation
Rechnet man hierfür einen kalkulatorischen Stundenlohn von etwa 30 €, entstehen rund 35 € Arbeitskosten je Unterrichtseinheit.
Selbstkosten
Bereich | Kosten |
Pferd | 26 € |
Arbeitszeit | 35 € |
= 61 € Selbstkosten
Ohne Gewinn.
Ohne Investitionen.
Ohne Rücklagen für neue Pferde.
Mit Rücklagen
Jeder Betrieb muss langfristig investieren:
neue Schulpferde
Hallenboden
Maschinen
Zäune
steigende Energiepreise
Krankheitsausfälle
Deshalb wären weitere etwa 10–15 € pro Stunde sinnvoll.
Ein wirtschaftlich gesunder Preis läge damit ungefähr bei
70–75 € pro Einzelreitstunde.
Warum kosten viele Reitstunden dann nur 25–40 €?
Die Antwort ist meist: Weil anders kalkuliert wird.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Betriebe schlecht arbeiten. Oft ist es aber eine Kombination aus mehreren Faktoren.
1. Die Pferde laufen deutlich mehr
Während im Beispiel ein Pferd nur eine Stunde täglich läuft, gehen viele Schulpferde:
drei,
vier
oder sogar fünf Unterrichtsstunden pro Tag.
Dadurch verteilen sich die Fixkosten auf wesentlich mehr Unterrichtseinheiten.
2. Gruppenunterricht
Eine Lehrkraft kostet nahezu gleich viel, egal ob sie einen oder vier Reiter unterrichtet.
Beispiel:
Vier Reiter zahlen jeweils 30 €.
Der Betrieb nimmt
120 € für dieselbe Unterrichtsstunde ein.
Das Pferd läuft trotzdem nur eine Stunde.
Deshalb sind kleine Gruppen häufig wirtschaftlicher als ausschließlich Einzelunterricht.
3. Eigene Arbeitszeit wird nicht vollständig bezahlt
Gerade familiengeführte Reitbetriebe rechnen ihre eigene Arbeit oft nicht vollständig ein.
Viele Betreiber arbeiten:
morgens im Stall,
tagsüber im Büro,
nachmittags im Unterricht,
abends wieder im Stall,
oft weit über eine normale Vollzeitstelle hinaus.
Der tatsächliche Stundenlohn liegt dann teilweise deutlich unter dem, was in anderen Berufen üblich wäre.
4. Es werden kaum Rücklagen gebildet
Wenn:
der Hallenboden erneuert werden muss,
ein Schulpferd ersetzt werden muss,
ein Traktor kaputtgeht,
fehlt häufig das angesparte Kapital.
Viele Investitionen werden deshalb verschoben oder privat finanziert.
5. Andere Betriebszweige finanzieren die Reitschule mit
Nicht selten erwirtschaftet der eigentliche Unterricht nur einen kleinen Teil des Einkommens.
Der Betrieb lebt zusätzlich von:
Pensionspferden,
Beritt,
Ferienprogrammen,
Lehrgängen,
Verkauf von Futter oder Zubehör,
Veranstaltungen.
Der Reitunterricht allein müsste häufig deutlich teurer sein, wenn er sämtliche Kosten tragen sollte.
Kann eine Reitschule heute überhaupt noch wirtschaftlich sein?
Ja – aber meist nur unter bestimmten Voraussetzungen. Ein Betrieb kann wirtschaftlich arbeiten, wenn beispielsweise:
mehrere Reiter gleichzeitig unterrichtet werden,
die Infrastruktur bereits vorhanden ist,
die Auslastung der Pferde gut geplant wird,
Zusatzangebote Einnahmen schaffen,
und die Preise die tatsächlichen Kosten widerspiegeln.
Schwieriger wird es, wenn man gleichzeitig den Anspruch hat, dass jedes Schulpferd nur einmal täglich läuft und der Unterricht überwiegend als Einzelstunde angeboten wird. Dann reichen Preise von 25–35 € pro Stunde in der Regel nicht aus, um alle Kosten inklusive fairer Entlohnung und Rücklagen dauerhaft zu decken.
Gerade deshalb sieht man heute zwei gegensätzliche Entwicklungen: Entweder steigen die Preise deutlich an, oder die Pferde werden häufiger eingesetzt und die Unterrichtsform wird stärker auf Gruppen ausgerichtet. Die Herausforderung besteht darin, ein Modell zu finden, das sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch langfristig pferdegerecht ist.



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