Pferde impfen – notwendig oder übertrieben?
- Harriet Charlotte Schulz

- 6. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Das Thema Impfen wird auch in der Pferdewelt immer wieder kontrovers diskutiert. Während für die einen regelmäßige Impfungen selbstverständlich zur Gesundheitsvorsorge gehören, stellen andere die Frage, ob wirklich jede Impfung notwendig ist. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.
Nicht jedes Pferd benötigt automatisch jede verfügbare Impfung. Dennoch gibt es Erkrankungen, gegen die ein Impfschutz aus veterinärmedizinischer Sicht dringend empfohlen wird. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin (StIKo Vet) unterscheidet dabei zwischen sogenannten Core-Impfungen, die für jedes Pferd empfohlen werden, und Non-Core-Impfungen, die abhängig von Haltung, Nutzung und regionalem Risiko sinnvoll sein können (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Zu den Core-Impfungen zählen:
Equine Influenza (Pferdegrippe)
Equines Herpesvirus (EHV)
Tetanus (Wundstarrkrampf)
West-Nil-Fieber zählt zu den risikobasierten Impfungen, gewinnt jedoch in Deutschland zunehmend an Bedeutung (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Pferdeinfluenza (Pferdegrippe)
Pferdeinfluenza ist eine hoch ansteckende Viruserkrankung der Atemwege. Besonders dort, wo viele Pferde zusammentreffen, kann sich das Virus sehr schnell verbreiten (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Typische Symptome
Hohes Fieber
Trockener, oft starker Husten
Nasenausfluss
Mattigkeit
Leistungseinbruch
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Besonders problematisch ist, dass sich infizierte Pferde bereits vor dem Auftreten deutlicher Symptome ansteckend verhalten können. Turniere, Lehrgänge, Rennveranstaltungen und Stallwechsel spielen deshalb bei der Verbreitung eine große Rolle (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Warum ist die Impfung wichtig?
Die Impfung verhindert nicht jede Infektion vollständig. Sie kann jedoch:
die Schwere der Erkrankung reduzieren
die Dauer der Erkrankung verkürzen
die Virusausscheidung verringern
die Ausbreitung innerhalb von Beständen begrenzen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Impfempfehlung
Grundimmunisierung
Impfung
Impfung nach 28–70 Tagen
Impfung spätestens 6 Monate + 21 Tage nach der zweiten Impfung
(FN, Durchführungsbestimmungen zu § 66.1.7 LPO 2024)
Auffrischung
Freizeitpferde mit geringem Risiko: jährlich möglich
Pferde mit regelmäßigem Kontakt zu fremden Pferden: alle 6 Monate empfohlen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Equines Herpesvirus (EHV)
Das Equine Herpesvirus gehört zu den weltweit verbreitetsten Viruserkrankungen beim Pferd. Besonders relevant sind die Virustypen EHV-1 und EHV-4 (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Ein Problem dabei: Viele Pferde tragen das Virus lebenslang in sich, ohne Symptome zu zeigen. Unter Stress kann es jedoch erneut aktiviert werden.
Mögliche Krankheitsbilder
Atemwegsinfektion
Fieber
Nasenausfluss
Husten
Abort bei tragenden Stuten
Fehlgeburten
Totgeburten
Neurologische Form (EHM)
Schwäche der Hinterhand
Koordinationsstörungen
Harnabsatzprobleme
Festliegen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Warum wird geimpft?
Die Herpes-Impfung kann:
den Infektionsdruck im Bestand senken
die Virusausscheidung reduzieren
die Schwere klinischer Verläufe verringern
Wichtig ist jedoch zu wissen, dass die Impfung keinen vollständigen Schutz vor Infektion oder neurologischen Verlaufsformen garantiert (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Impfempfehlung
Grundimmunisierung
Je nach Impfstoff:
Impfung
Impfung nach 4–6 Wochen
Auffrischung
alle 6 Monate
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Besonders wirksam sind Herpes-Impfprogramme dann, wenn möglichst der gesamte Bestand geimpft wird (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Tetanus (Wundstarrkrampf)
Tetanus zählt zu den gefährlichsten Erkrankungen des Pferdes. Verursacht wird die Krankheit durch das Bakterium Clostridium tetani, dessen Sporen praktisch überall in der Umwelt vorkommen (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Eine kleine Verletzung reicht bereits aus, damit die Erreger in den Körper gelangen.
Typische Symptome
Muskelsteifheit
Kieferklemme
Schwierigkeiten beim Schlucken
Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen
Festliegen
Atemlähmung
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Die Sterblichkeitsrate bei klinisch erkrankten Pferden ist sehr hoch.
Warum wird geimpft?
Tetanus gehört zu den wenigen Erkrankungen, bei denen die Frage nach der Notwendigkeit der Impfung für viele Tierärzte praktisch nicht zur Diskussion steht.
Gründe:
Die Erkrankung verläuft häufig tödlich.
Die Erreger kommen überall vor.
Die Impfung schützt zuverlässig.
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Impfempfehlung
Grundimmunisierung
Impfung mit etwa 6 Monaten
Impfung nach 4–6 Wochen
Impfung nach 12–14 Monaten
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Auffrischung
je nach Impfstoff alle 2–3 Jahre
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
West-Nil-Fieber
West-Nil-Fieber wird nicht direkt von Pferd zu Pferd übertragen, sondern über infizierte Stechmücken. Das Virus stammt ursprünglich aus Afrika und hat sich mittlerweile auch in Deutschland etabliert (Friedrich-Loeffler-Institut 2026).
Mögliche Symptome
Viele Pferde zeigen keine Symptome.
Kommt es zu einer Erkrankung, können auftreten:
Fieber
Muskelschwäche
Stolpern
Koordinationsstörungen
Muskelzittern
Festliegen
(Tierseucheninfo Niedersachsen 2025)
Aktuelle Fallzahlen in Deutschland
Bestätigte Fälle bei Pferden:
2020: 22 Fälle
2021: 19 Fälle
2022: 17 Fälle
2023: 18 Fälle
2024: 204 Fälle
2025: 4 Fälle
(Friedrich-Loeffler-Institut 2026)
Der starke Anstieg im Jahr 2024 zeigt, dass die Erkrankung inzwischen auch für deutsche Pferdehalter relevant geworden ist.
Impfempfehlung
Grundimmunisierung
Je nach Impfstoff:
Impfung
Impfung nach 3–6 Wochen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Auffrischung
jährlich
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Freizeitpferd, Turnierpferd oder internationales Sportpferd – wo liegen die Unterschiede?
Freizeitpferde
Für Pferde mit wenig Kontakt zu fremden Pferden empfiehlt die StIKo Vet grundsätzlich:
Tetanus
Influenza
Herpes
West-Nil-Fieber abhängig von Region und Risiko.
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Turnierpferde
Für Turnierpferde schreibt die Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung die Influenza-Impfung vor.
Die Wiederholungsimpfung muss spätestens alle:
6 Monate + 21 Tage
erfolgen (FN LPO 2024).
Herpes ist derzeit nicht verpflichtend, wird jedoch ausdrücklich empfohlen (FN LPO 2024).
International startende Pferde
Für FEI-Turniere gelten besondere Anforderungen.
Die FEI verlangt:
vollständigen Influenza-Impfschutz
lückenlose Dokumentation im Pferdepass
digitale Erfassung über die FEI HorseApp
(FEI Vaccination Rules 2026)
Zusätzliche Impfungen können abhängig vom Zielland vorgeschrieben sein.
Weitere mögliche Impfungen
Pilz (Dermatomykose)
Die Pilzimpfung kann sowohl vorbeugend als auch unterstützend bei bestehenden Infektionen eingesetzt werden (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Vorteile
geringere Ansteckungsgefahr
schnellere Heilung betroffener Tiere
sinnvoll bei Stallproblemen mit Hautpilz
Impfschema
2 Impfungen im Abstand von 14 Tagen
bei Bedarf weitere Impfungen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Druse
Druse ist eine hochansteckende bakterielle Erkrankung der oberen Atemwege.
Die Impfung:
verhindert Erkrankungen nicht vollständig
kann die Schwere der Symptome reduzieren
wird vor allem für Risikobestände empfohlen
(StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025)
Rotavirus
Diese Impfung betrifft vor allem tragende Stuten.
Ziel ist es, den Fohlen über die Biestmilch einen besseren Schutz gegen schwere Durchfallerkrankungen zu vermitteln (StIKo Vet/FLI, Impfleitlinie Pferd 2025).
Fazit
Die Frage „Muss mein Pferd wirklich geimpft werden?“ lässt sich nicht pauschal für jede einzelne Impfung beantworten. Bei Tetanus, Influenza und Herpes sprechen die aktuellen veterinärmedizinischen Empfehlungen jedoch klar für einen regelmäßigen Impfschutz. West-Nil-Fieber gewinnt aufgrund der zunehmenden Verbreitung in Deutschland ebenfalls an Bedeutung.
Letztlich sollte jeder Impfplan individuell betrachtet werden. Alter, Haltung, Bestandsgröße, Turniereinsätze, Reisen und regionale Risiken spielen dabei eine wichtige Rolle. Gemeinsam mit dem betreuenden Tierarzt lässt sich so ein Impfkonzept erstellen, das weder unnötig noch lückenhaft ist – sondern genau zum jeweiligen Pferd passt.
Quellen:
StIKo Vet/FLI – Leitlinie zur Impfung von Pferden, 2025
FN – Leistungs-Prüfungs-Ordnung (LPO) 2024, Durchführungsbestimmungen zu § 66.1.7
Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) – West-Nil-Virus in Deutschland, Stand 2026
Tierseucheninformationssystem Niedersachsen – West-Nil-Fieber beim Pferd, 2025
FEI Veterinary Regulations & Vaccination Requirements, Stand 2026



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